STEREO-Frontmann Matthias Böde zog täglich ein Programm von fünf Kurz-Workshops zu unterschiedlichsten Themen der High-Fidelity in den Räumen der zahlreichen Aussteller durch
STEREO-Frontmann Matthias Böde zog täglich ein Programm von fünf Kurz-Workshops zu unterschiedlichsten Themen der High-Fidelity in den Räumen der zahlreichen Aussteller durch

Hören und staunen

Neben den vielen Ausstellern mit ihren faszinierenden Komponenten und eindrucksvollen Vorführungen boten die „Süddeutschen HiFi-Tage 2019“ erneut eine Staffel mit Kurz-Workshops, in denen STEREO-Frontmann Matthias Böde ebenso kurzweilig wie informativ Schlaglichter auf interessante Aspekte der High-Fidelity warf. Dabei gab es viel zu staunen. Hier ein kurzer Abriss, was los war.

1. Drei Tonabnehmer im Check:

Als „analoge Klangstrategien“ war diese Vorführung ein wenig kryptisch angekündigt. Es ging darum, wie man mit der Auswahl des Tonabnehmers das Klangbild von Schallplatten bestimmt und wie Hersteller einen gewissen Charakter ihrer Pickups erzeugen. Dazu liefen im Raum mit großen Hornlautsprechern von Avantgarde Acoustic drei Abtaster der 500-Euro-Preisklasse auf einem Plattenspieler aus der Werkstatt Dr. Feickerts. Dank des eingesetzten Jelco-Tonarms mit Schnellverschluss für die Headshell ließen sich diese gegeneinander ruckzuck austauschen, denn Böde hatte die Tonabnehmer fix und fertig vormontiert mitgebracht.

Bei Wolfgang Bernreuthers gefühligem, detailreichem „For Ole“ bot das rund 430 Euro teure, in ein feines Holzgehäuse geschlagene Grado-MM Platinum 2 eine gelöste, farbige und sonore Darbietung, die gut unter die Haut kroch. Das unmittelbar danach eingesetzte Ortofon 2M Black (MM, um 600 Euro) tönte präsenter, sehr räumlich und ausgewogen, während das abschließend gespielte Rega Ania (um 650 Euro), einziger MC-Vertreter im Trio, noch etwas krisper auftrat und die feindynamischen Akzente betonte.

Im zahlreich anwesenden Publikum – im großen Vorführsaal gab’s kaum noch Stehplätze – fanden sich Liebhaber für alle drei Aspiranten. Böde sagte: „Ich zeige Ihnen mal, was Sie gerade gehört haben!“ und hielt dabei den Ausdruck mit den Frequenzschrieben der drei Abtaster in die Höhe. Darauf war zu erkennen, dass das Grado im Präsenz- und Hochtonbereich eine Senke aufweist, die das Klangbild etwas runder, wärmer und gerade bei obertonreichen Aufnahmen milder, angenehmer macht. Eine Strategie, um Vinyl „analoger“ erscheinen zu lassen. Das Ortofon läuft dagegen vorbildlich linear, und die Kurve des Rega steigt in den Höhen erkennbar an. „Das ist wohl nicht beabsichtigt“, erläuterte Böde, „sondern eher ein Nebeneffekt der im Interesse besten Ansprechverhaltens und optimaler Dynamik geringen Dämpfung des Nadelträgers, die zu einer leichten Hochtonresonanz führt.“ So klingt das Aina besonders frisch.

Im abschließenden Gitarrenfeuerwerk „Conga“ der Band „Hand on Strings“ zeigten sich die Unterschiede einmal mehr: Während das Rega den Zuhörern die Impulse förmlich um die Ohren knallte, trat das Ortofon bei aller Lebendigkeit nicht ganz so forsch auf, und das Grado wirkte zwar nicht müde, betonte aber eher die Klangfarben und den Korpus der Instrumente.
Schön, dass man beim Kauf eines Tonabnehmers Auswahl hat und entscheiden kann, wo die persönlichen Vorlieben liegen.

 

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2. So verbessert ein Subwoofer die Performance

Wer seine Wiedergabe um allertiefste Töne ergänzt, erlebt eine gesteigerte Räumlichkeit wie natürliche Klangfarben, weil unser Gehör diesen Frequenzbereich benötigt, damit das Gehirn ein vollständiges Klangbild zusammensetzen kann. Was dies in der Praxis bedeutet, demonstrierten wir im Saal des High End-Vertriebs Audio Reference. Dort spielte die gewiss nicht bassarme Standbox Sonus Faber Serafino (um 20.000 Euro/Paar) an Elektronik von Meridian und Krell auf. Ihr zur Seite stand Velodynes Aktiv-Subwoofer DD-12 plus für rund 4000 Euro. Bei der druckvollen Big-Band-Nummer „Young At Heart“ mit Paul Kuhn und Greetje Kauffeld von der neuen STEREO Hörtest-CD IX l erschien die Band nicht nur räumlich ausladender und kraftvoller, wenn wir den optimal auf den Raum wie die Hauptlautsprecher angepassten Woofer dazu schalteten. Ohne erschien die Wiedergabe plötzlich blass und flach. Dabei trat der Velodyne als solcher akustisch gar nicht in Erscheinung, sondern „verschwand“ vollkommen und bruchlos in der Darbietung. In der Folge senkten wir die obere Grenzfrequenz des „Druckmittels“ von 50 auf nun 40 Hertz ab, was zu einem Energieloch im Grundtonbereich der Stimmen führte, oder ließen ihn bis 70 Hertz hinauf arbeiten, wodurch die Stimmen zwar noch nicht zu fett, aber der Bass wummerig geriet. Die vom Team vorab gewählten 50 Hz waren also genau richtig.

Dass ein schneller, präziser Subwoofer wie dieser bis in den Hochtonbereich wirkt, erwies sich beim vermeintlich bassfreien „Terra Presa“ des portugiesischen Barden Rafael Fraga. Mit Woofer-Unterstützung schmeichelte dessen Stimme mehr, hatten sogar die duftig gespielten Hi-Hats mehr Strahlkraft, goldigen Glanz und „Korpus“, als wenn der Velodyne auf „Muting“ stand. Auch die emotionale Ausstrahlung profitierte deutlich. Eindrucksvoller kann man kaum belegen, was ein guter Subwoofer in der Anlage vermag.

 

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3. Stromreinigung auf verschiedenen Stufen

Unser Stromnetz ist mit Störungen belastet, die unsere Komponenten beeinträchtigen und dem reinen Klang entgegenstehen. Und im Dorint mit seinen vielen Verbrauchern gleich gar. Zeit für effektive Netzfilter! Im Raum des englischen Anbieters IsoTek waren mehrere in ihrer Wirkung abgestufte aufgebaut und versorgten Marantz’ 10er-Amp sowie den entsprechenden SACD-Spieler. Als Lautsprecher diente die „Borg“ vom Fink-Team.

Mit denen und Macy Grays schwirrendem „Sweet Baby“ vom STEREO Phono-Festival II sprangen wir von einem Billigverteiler auf IsoTeks Filterleiste Corvus (mit Stromkabel um 820 Euro) und dann auf den mit sechs nach Quellgeräten und Leistungsverstärkern differenzierten Einzelfiltern ausgestatteten „Aquarius“ (um 1400 Euro), wobei – wenig überraschend, weil schon so oft erlebt – die Weiträumigkeit, Gelöstheit und Natürlichkeit der Darbietung jeweils deutlich zunahm.

Die Spitze bildete das Duo aus dem Netzsyntheziser Genesis One für den Marantz-Player und dem extrem aufwendig ausgelegten Passivfilter Titan One (jeweils ab 2000 Euro), der den Verstärker versorgte.
Dieses Set überflügelte den günstigeren Aquarius deutlich, indem es der Elektronik zu einem erheblich größeren räumlichen Spektrum, gesteigerter Natürlichkeit und lässiger Souveränität verhalf. Als „Schocktherapie“ steckten wir auf die ungefilterte, primitive Billigleiste zurück, woraufhin die Wiedergabe förmlich „zusammenklappte“. Dies kann man gar nicht oft genug vorführen.

 

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4. Was bringt Hochbit-HiFi?

Dass es bei Hochbit-HiFi um mehr als die Übertragung winziger Klangfitzelchen geht, demonstrierte der Workshop im Saal, wo der neue Vollverstärker Supernait 3 von Naim Audio mit dem Netzwerkspieler NDX 2 (um 4300/6000 Euro) aus gleichem Haus aufspielte. Allerdings streamten wir die Files nicht über ein lokales Netzwerk, sondern direkt von einem USB-Stick, dessen Ordner-Menü unmittelbar auf dem iPad auftauchte, das wir zur Steuerung einsetzten. Auf dem Stick hatte Matthias Böde Musikstücke in den unterschiedlichsten digitalen Formaten abgelegt.

Dabei erwies sich, dass Nils Landgrens gefühlvoll interpretierte Version von „Imagine“ bei höheren Datenraten nicht nur gelöster, schattierungsreicher und räumlicher über die brandneuen Focal-Lautsprecher Chora 826 für gerade mal 1400 Euro das Paar kam, was sich etwa an den gefühlt länger im Hintergrund ausklingenden Gitarrensaiten zeigte, sondern der Titel bei der vollen Auflösung von 24 Bit/88,2 Kilohertz den Hörer stärker ansprach, also gegenüber der profaner, uninspirierter auftretenden 320-Kilobit-MP3-Fassung den emotionalen Zugang erleichterte. Mit Hochbit schwang eine andere Aura, die MP3 offenbar als verzichtbar erachtet und rausgerechnet hatte.

Auch die lockere Stimmung von Monty Alexanders „Almost Like Being In Love“ sprang so richtig vor allem im Hochbit-Original von 24 Bit/192 kHz auf die Hörer über. Merke: Neben „Klang“ stecken auch jede Menge Emotionen im Detail.

 

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5. Woran erkennt man eine gute Aufnahme?

Alle Welt redet über Klangqualität. Doch was ist das eigentlich? Blöde Frage? Im MBL-Raum nutzten wir die mit jeder Art von Musik überwältigend klingende Anlage für eine nur vermeintlich profane Demo, für die Workshop-Leiter Matthias Böde einige Titel der STEREO Hörtest-CD VII ausreichten.

Es ging los mit „Wake Me Up Before You GoGo“ des Münchner Duos Le Bang Bang, die den Wham-Klassiker nur mit Stimme und akustischem Bass interpretieren. Klar, dass die Tontechnik diese im Interesse maximaler Wirkung groß und markant abbildete, oder? In dieser Art sollte offenbar auch das Orchester erscheinen, das den Auftritt des Erzengels Michael im Finalsatz von Respighis „Kirchenfenster“-Zyklus darstellt. Nur, dass es dafür notwendig war, die Musiker im ebenso breiten wie tiefen Spektrum zu verteilen, um selbst im Fortissimo-Tumult Übersicht und Ordnung zu wahren.

Richtig zur Sache ging es in Form deftiger Impulse in der Live-Nummer „Attempo“ des Antonio Forcione Quartet. Auftrag an die Aufnahmeregie: neben der Bühnenakustik vor allem die zum Teil explosive Dynamik einzufangen, was erstklassig gelang. Das effektvolle Wechselspiel von laut und leise spielt beim in einem Kirchenschiff aufgenommenen „Mitt Hjerte alltid vanker“ allenfalls eine untergeordnete Rolle. Nach dem Solo-Intro der Sängerin Rim Banna weht den Hörer der norwegische Skruk-Chor wie warmer Sommerwind an. Blödsinnig schön! Damit die beabsichtigte sakrale Stimmung entsteht, braucht’s schwebende Leichtigkeit und Finesse bis in winzigste Details.

Zum Schmunzeln lud Richard Haymans mit reizvollen Details angereichertes „Hörkonfekt“ „Pops Hoedown“ ein, das auf diese Weise mit dem Thema „Klangraffinesse“ spielt. Den Zuhörern war am Ende klar: Die beste Aufnahmequalität gibt’s nicht. Die Tontechnik muss sich vielmehr penibel aufs jeweilige musikalische Sujet einstellen, um es überzeugend klingen zu lassen.

 

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