Radiant Acoustics Clarity 66 im Test: Neue Marke, viel Expertise
Das Flaggschiff Clarity 66 von Radiant Acoustics soll in manchen Punkten Maßstäbe setzen. Kein Geringerer als Purifi-CTO Lars Risbo zeichnet dafür verantwortlich.

Radiant Acoustics entstand durch die Kooperation der drei HiFi-Unternehmen Nordic HiFi, Purifi und HiFi Klubben, bei der Masterminds wie HiFi-Urgestein und DALI-Gründer Peter Lyngdorf, Henrik Sørensen (Nordic HiFi-CEO) und Purifi-CTO Lars Risbo persönlich zusammenfanden. Das Ziel waren und sind hochwertige Lautsprecher mit modernsten Technologien und herausragendem Preis-Leistungs-Verhältnis. Die Produkte sind weltweit online, also im Direktvertrieb erhältlich.
Vor allem im englischen Sprachraum ist „Radiant“ ein mathematisches Bogenmaß, das meist in „Grad“ umgerechnet wird. Der Begriff bedeutet so viel wie „strahlend“. Man entschied sich für den Namen „Clarity“, weil man laut Purifi offenbar nie zuvor so niedrige Verzerrungswerte erreichen konnte wie mit dieser Lautsprecherserie. STEREO kann die Extremwerte bestätigen, 0,25 Prozent Klirr bei 63 Hertz sind in der Tat enorm wenig. Und unsere Messungen für den Mittelhochton sind ebenfalls sehr gut.

Das Modell Clarity 66 ist als Flaggschiff der Serie die konsequenteste Verkörperung der dahinterstehenden Designphilosophie. Erstmals „live“ präsentiert auf der „Oslo HiFi Show“ Ende März, spielte der Lautsprecher seit Anfang April schon zum Exklusivtest in der STEREO-Redaktion auf.
Zwei Purifi-Treiber für Tiefmittelton im Tandem
Einen wesentlichen Teil des Konzepts stellen natürlich die Purifi-Treiber dar. Hier kommen zwei identische 6,5-Zoll-Purifi Ushindi-Treiber für die Abteilung Tiefmittelton zum Einsatz, die zudem denselben Frequenzbereich verantworten. Das bedeutet einerseits ein echtes 2-Wege-System mit hoher Phasentreue, Präzision und nahtloser Mitteltonwiedergabe wie bei einer audiophilen Kompaktbox, andererseits aber auch eine kompromisslose Dynamik samt Pegelreserven im Bassbereich, wie sie sonst nur ein entsprechend großer Standlautsprecher zu realisieren vermag. In der Clarity 66 kommt der gleiche Treiber wie bei der Kompaktbox 6.2 zum Einsatz, nur mit schwererer Alu- statt Papiermembran, für zusätzlichen Tiefgang.

Freilich empfiehlt sich die Clarity 66 ob ihrer potenziellen Bassgewalt dann auch eher für mittlere bis größere Räumlichkeiten. Der STEREO-Hörraum geht mit seinen rund 25 Quadratmetern, was etwa dem bundesdeutschen Durchschnittswohnzimmer entspricht, gerade noch in Ordnung, was wir beim Shootout gegen DALIs in ähnlicher Preisregion positionierter Rubikore 8 noch sehen werden.
Da sich beide Basstreiber in der Clarity 66 dieselbe Aufgabe teilen und den Tiefmitteltonbereich vollkommen parallel abarbeiten, ist auch der notwendige Hub halbiert, was wiederum Verzerrungen minimiert und gegenüber einem einzelnen größeren Treiber auch die Ansprechzeiten verkürzt. Zudem wird der Mitteltonbereich arbeitsteilig entlastet. Die ein- und ausschwingende Membranfläche bleibt aufgrund der ungewöhnlichen Sickengeometrie nahezu gleich, was bei konventioneller Formgebung nicht der Fall ist.
Für eine solche Standbox ein 2-Wege-Konzept zu verwenden, ist sehr ungewöhnlich. Die meisten Hersteller hätten wohl eher ein 2,5-Wege-Konstrukt erarbeitet, aber diese haben auch nicht unbedingt die kostspieligen Purifi-Treiber zur Verfügung. Die Abteilung Tiefton der Clarity erreicht sehr tiefe 32 Hertz (–3 dB) respektive gar 24 Hertz, wenn man großzügigere 10 dB Pegelabfall zulässt. Auch das ist für einen Lautsprecher der „Ein-Meter-Klasse“ außergewöhnlich.
Wie integriert sich der AMT-Hochtöner von DALI?
Ergänzt werden die durch die typische, einzigartige Sicke gekennzeichneten Purifi-Tieftöner durch einen vollständig symmetrischen Air Motion Transformer-Hochtöner von DALI, ein gefaltetes Bändchen, dem ein spezieller Dual-Purpose-Waveguide vorgeschaltet wird. So soll der Sweet Spot, sprich die optimale horizontale Hörzone, erweitert und der Übergang zwischen Hoch- und Tieftontreibern besonders geschmeidig gestaltet werden.

Vertikal ist die Abstrahlung im Sinne weniger störender Raumeinflüsse dagegen vorsätzlich eingeschränkt, nicht zuletzt auch wiederum durch die Line-Array-artige Doppelbestückung im Bass. Radiant Acoustics empfiehlt eine Positionierung des Hochtöners etwa auf Ohrhöhe des sitzenden Auditoriums und leicht zum Hörplatz eingedreht. Das einst von Dr. Oskar Heil erdachte AMT-Konzept ist bekannt für hohe Dynamik, Sauberkeit und ausgezeichnetes Beschleunigungsvermögen. Es wird hier bei 2.400 Hertz angekoppelt.

Als Zuspieler erwarten die Radiant Acoustics-Flaggschiffe selbstredend adäquate Elektronik mit entsprechend hohen, sauberen und „schnellen“ Verstärkerleistungen ab etwa 200 Watt an 4 Ohm. Purifi empfiehlt naturgemäß besonders die eigenen, auch von STEREO schon sehr erfolgreich getesteten Class-D-Module, die etwa in Marantz Model 10 oder den großen NAD-Verstärkern verbaut sind. Im Testgeräte-Kasten können Sie ersehen, welche Verstärkerboliden STEREO für diesen Test auserkoren hat und dass auch diese keineswegs von „schlechten“ Eltern stammen.
Superflare-Port und massives Aluminium-Gehäuse
Ein mittels ausgeklügelter Simulationen eigens entwickelter „Superflare“-Bassport unterstützt den Tieftonbereich auf der Rückseite des Lautsprechergehäuses. Er ist speziell für die Clarity 66 maßgeschneidert und soll jegliche Turbulenzen, Geräuschentwicklung und Kompression auf ein Minimum reduzieren, um so auch Verzerrungen zu vermeiden.
Das soll, so Purifi, selbst bei sehr hohen Pegeln eine kraftvolle und kontrollierte Basswiedergabe liefern und geht wohl auf einen Wunsch Peter Lyngdorfs zurück, der einen Port statt Passivradiatoren wünschte. Interessanterweise ändert auch bei diesem „Superflare“-Port der Tunnel über die Länge seinen Querschnitt, was Parallelitäten in der Entwicklung des in Kooperation mit Purifi konzipierten, ebenfalls aktuell getesteten DALI-Subwoofers V-16 F aufzeigt. Überhaupt zeigt die Radiant extremen Einsatz von Mathematik, Messtechnik und Simulation. Jede Schraube wurde optimiert.

Zwecks außergewöhnlicher Stabilität griffen die Ingenieure auf eine 15 Millimeter starke, aus dem Vollen CNC-gefräste Aluminium-Schallwand zurück, die mit einer 21 Millimeter starken MDF-Gehäusekonstruktion mit zahlreichen strategischen Verstrebungen verbunden ist, um Vibration und Resonanzen sowie damit auch jeglichen verlust- und verzerrungsträchtigen Fremdschall zu verhindern. Dafür kommt zudem die iCell-Gehäusebedämpfung zum Einsatz, bei der eine formbare Masse auf Recyclingpapierbasis aufgetragen wird. Die sehr gut verarbeitete Clarity 66 wiegt satte 40 Kilogramm das Stück! Am Heck des Gehäuses fällt oberhalb des Ports eine große Stahl-Montageplatte auf, die die Frequenzweiche trägt. Wir vermuteten angesichts der Purifi-Herkunft und des Hintergrunds, dass hier in Dänemark ja auch mit die besten Class-D-Module entstehen, dass hier eine Art „Nachrüstpfad“ gleich mit eingebaut wurde, der die Clarity durch Austausch der Weiche gegen ein DSP/Amp-Aggregat leicht aktivierbar macht.

Der Hauptgrund für diese Platte ist aber die Stabilität des Gehäuses. Bodentraversen mit höhenverstellbaren Füßen und je nach Boden wahlweise Spikes oder Gummifüßen sorgen für sicheren Stand ohne Kippneigung.
Frequenzweiche, Fertigung und Messwerte
Die hochwertig bestückte Frequenzweiche ist entsprechend der Treiberauswahl und Konzeption ein phasenseitig angepasstes, eisenfreies und audiophiles 2-Wege-Konzept, das den Gedanken der klanglich optimierten Verzerrungsarmut in der arbeitsteiligen Anwendung konsequent fortsetzen und ermöglichen soll.

Wie sämtliche Clarity-Lautsprecher werden die 66 im dänischen Nørager auf der Halbinsel Jütland montiert und jedes einzelne Paar umfangreichen messtechnischen wie praktischen Tests unterzogen sowie computeranalysiert. Auch die Purifi-Treiber werden in Handarbeit im ebenfalls dänischen Roskilde, 35 Kilometer westlich von Kopenhagen, hergestellt.

Messtechnisch ist dieser Lautsprecher großartig, was kein Wunder ist, da er mit entsprechend ausgeprägtem Schwerpunkt entwickelt wurde. Doch wie klingt er? Schon beim Einspielen fiel die Sauberkeit dieser Radiant Acoustics auf. Nicht spektakulär, aber Akkuratesse und Präzision der Wiedergabe waren über die gesamte Bandbreite bemerkbar, auch die im besten Sinne neutrale Ausgewogenheit, die weiträumige Abstrahlung und der kraftvoll-konturiert federnde Bass wussten spontan zu gefallen.
Wie klingt die Radiant Clarity 66 im Hörtest?
Und mangels Verzerrungen kann sie richtig laut! Die Clarity liegt dank überdurchschnittlich hohem Wirkungsgrad gut „am Gas“ und spielt mit sehr klarer, geordneter Diktion auf. „Superstition“ von Stevie Wonder – die wohl mit Abstand beste Version ist die auf „Live At Last“ aus dem gleichnamigen Live-Konzert – reißt einen förmlich aus dem Sitz!

Zweifellos ist die Clarity ihren Preis absolut wert. Unser Testexemplar war ein finales Vorserienmodell, dessen klangliche Abstimmung laut Hersteller bereits dem Serienstand entspricht – lediglich Kleinigkeiten könnten sich noch ändern. Auf hohem Niveau hätte man sich womöglich noch eine letzte Iteration an Feinabstimmung im Hörversuch wünschen können, was aber erst im direkten Vergleich an derselben Top-Elektronik mit unserem Referenzlautsprecher der 7.000/8.000-Euro-Klasse, der DALI Rubikore 8, wirklich zutage trat.
Während beide die Bassgrenzen unseres „kleinen“ Hörraums auszuloten vermochten und hohe Detailauflösung zeigten, erwies sich die DALI ihrer Landsmännin insbesondere in der Stimmigkeit, der Beweglichkeit und Detailwiedergabe der wichtigen Mitten als überlegen. Durch ein Mehr an Information wirkte Bonnie Raitts Stimme glaubhafter. Das ist kein Beinbruch, denn an der DALI ist nicht leicht vorbeizukommen. Zudem gilt DALI laut Lars Risbo als „Schwesterfirma“.
Die Radiant Clarity 66 ist zum Paarpreis von 7.998 Euro in den drei Ausführungen Black (mit aufwendiger Lackierung), Eiche oder Walnuss furniert erhältlich.
| Radiant Acoustics | |
|---|---|
| Clarity 66 | |
| Produktart | Standlautsprecher passiv |
| Internetadresse | radiantacoustics.com |
| Preis in Euro | 7,998 |
| Abmessungen (BxHxT) in cm | 27 x 105 x 40 |
| Gewicht in kg | 40 |
| Deutschlandvertrieb | HiFi Klubben |
| Kontakttelefonnummer | 0800 0004670 |
| Prinzip | Dynamisch, 2-Wege, Bassreflex |
| Terminal | Single-Wire |
| Infos zur Empfohlenen Aufstellung | Frei (mit Wandabstand), leicht eingedreht |
| Messwerte 40 % | sehr gut 1,4 |
| Frequenzgang | gut |
| Kennschalldruck (in Dezibel) | gut (89) |
| Impulsantwort | sehr gut |
| minimale Impedanz | 4 Ohm bei 140 Hz |
| Verzerrungen bei 63/3k/10k Hz (in Prozent) | sehr gut (0,25/0,05/0,16) |
| Kombinationsfähigkeit | sehr gut |
| Ausstattung & Handhabung 60 % | gut 2,3 |
| Aufstellung | einfach |
| Qualität der Anleitung | befriedigend |
| Erste Inbetriebnahme | einfach |
| Klangkorrektur möglich | nein |
| Gehäuseausführungen | 3 |
| Lieferumfang | Traversen, Füße, Spikes |
| Haptik & Verarbeitung | sehr gut |
| Garantie (in Jahren) | 10 |
| Praxis-Note | gut 2,0 |
| Klangbeschreibung | präzise, ausgewogen, fein aufgelöst |
| Klangqualität | 70/100 |
