Pro-Ject Flatten It im Test: der günstige Plattenbügler
Das Bügeln von Schallplatten war bislang kostspielig. Mit seinem „Flatten it“ will Pro-Ject den Service deutlich günstiger anbieten. Wird dafür am Ergebnis gespart?

„Da kann man nichts machen!“ So oder so ähnlich lauten meist die achselzuckenden Kommentare angesichts einer verwellten Schallplatte. Hat man diese neu erworben, lässt sie sich oft umtauschen – in der Hoffnung, dass das nächste Exemplar plan ist. Ärger und Aufwand sind dabei jedes Mal inklusive. Und es nervt den engagierten Vinylhörer natürlich ohnehin, wenn der Tonabnehmer auf verzogenen und nicht mehr retournierbaren älteren Scheiben aus der Sammlung stetig auf- und abfährt.
Abseits von Tipps, die betreffende LP zwischen zwei Glasplatten im Backofen zu erhitzen, gab es meist auch professionelle Lösungen für das Problem, die jedoch wenig bekannt und zudem teuer waren. In den Fokus der Analoggemeinde rückte das Thema, als der deutsche Spezialist AFI seinen Flat vorstellte. Das ist ein aufwendig und mit viel Know-how in puncto Materialkunde gemachtes sowie vielfältig programmierbares Gerät, das uns seit seinem Test in STEREO 8/16 zuverlässig verwellte Scheiben glatt zieht oder diese auf Wunsch auch nur behutsam „entspannt“.
Schallplatten Bügeln ist meist teuer
Allerdings kostet der Flat aktuell fast 4.000 Euro und richtet sich deshalb vor allem an den betuchten Vinyl-Liebhaber. Eine immerhin nur halb so teure Alternative bietet AFI seit rund einem Jahr mit dem Flat.Duo, der bei ähnlichen Funktionen im zweckmäßig schlichteren Outfit als der luxuriös verarbeitete Flat auftritt und sogar zwei Schallplatten gleichzeitig einer glättenden respektive entspannenden Wärmetherapie unterziehen kann.

Vor diesem Hintergrund erscheint nun Pro-Jects flacher Bügler für nicht mal 800 Euro, der gemäß der üblichen Nomenklatur der Marke „Flatten it“ heißt. Äußerlich macht das rund vier Kilogramm schwere, schick aus Aluminium gefertigte und an überdimensioniertes Waffeleisen erinnernde Gerät einen properen Eindruck. Nur die unverblendeten Schraubenköpfe in Korpus und Deckel könnten den gediegenen Eindruck leicht stören.
Wer die große, von soliden Scharnieren gehaltene Klappe öffnet, blickt auf die zur optimalen Zentrierung der Scheibe mit einem Mitteldorn versehene Plattenauflage, die in der planen Unterseite des Deckels ihren Gegenpart hat. Um den direkten Kontakt des Vinyls mit den Metalloberflächen zu verhindern, wird die zu behandelnde LP oder Single – für Schellacks ist der „Flatten it“ nicht geeignet – in die beiliegende Papierhülle geschoben.
Pro-Ject Flatten It im Test: Bedienung
Am oberen Rand befinden sich in Form zweier rustikaler Kippschalter die fast einzigen Bedienelemente des Pro-Jects. Der rechte ist für An und Aus, während der linke den Heizvorgang startet beziehungsweise abbricht. Daneben informiert ein auf Grad Celsius oder Fahrenheit umschaltbares Display, das bezüglich der Temperatur den Ist- wie auch den nicht veränderbaren, bei 58 Grad fixierten Zielwert angibt.
Zum Test legen wir eine dünne 110-Gramm-RCA-Originalpressung von David Bowies „Heroes“-Album vom Secondhand-Markt ein. Diese hatte ein Kollege aus seinem Fundus mitgebracht. Er ärgerte sich schon länger über deren – je nachdem, welche Seite gerade oben lag – nach innen oder außen gewölbte Form.
Damit nicht genug, wies die Scheibe speziell zum Außenrand hin kleinere Wellen auf, die der Abtaster mit jeder Umdrehung hoch- und runterglitt. Jetzt nahm er den Auftritt des „Flatten it“ zum Anlass, die Sache gerade zu ziehen. Wir starteten bei 21,4° den Prozess, und die sogar auf eine Nachkommastelle präzise Anzeige dokumentierte das zügige Aufheizen.
Bereits nach 17 Minuten erreichte die Temperatur die finalen 58°. In der Folge hielt der flache Pro-Ject ein eng begrenztes Niveau zwischen 56° und 58°, wobei wie im Bügeleisen ein durch leises Klicken vernehmlicher Thermoschalter automatisch die Heizung entweder aktivierte oder abschaltete, um Überhitzung zu vermeiden.
Zwei Stunden Bügelprozess
Die Bedienungsanleitung rät zu einer rund zweistündigen Wirkzeit, ruft den Besitzer zugleich aber zu eigenen Experimenten auf, da je nach Gewicht der Scheibe die Zeiten variieren können. Ist dieser der Ansicht, es sei genug, schaltet er die Heizung ab und wartet, bis die Temperaturanzeige zumindest auf 30° gefallen ist.
Da hier entgegen der „Cooling“-Beschriftung der Taste nicht aktiv gekühlt, sondern nur die Heizung ausgeschaltet wird, sinkt die Temperatur ganz allmählich ab, was genau richtig ist, weil es das Entstehen von Spannungen im Vinyl durch zu schnelles Abkühlen vermeidet. Nach dem Öffnen der Klappe, unter deren Gewicht die Schallplatte hoffentlich geplättet wurde, darf man diese entnehmen.

Im Fall der Bowie-Scheibe war das Ergebnis überzeugend: Die grobe Verformung war verschwunden, das Ding geplättet. Und von den kleineren Rippeln blieben allenfalls winzige Reste stehen.
Also gleich die nächste Scheibe rein! Diese verhält sich problematischer. Auf dem 180-Gramm-Reissue von João Gilbertos „Amoroso“-Platte zeigen sich kurze, relativ spitze Erhebungen, die einerseits kräftige Infraschallstörungen verursachen, was sich in den flatternden Tieftönern zeigt und manchen Tonabnehmer sogar aus der Rille hüpfen lassen.
Pro-Ject Flatten It vs. AFI-Plattenbügler
Hier stoßen der „Flatten it“ und selbst der teurere AFI an ihre Grenzen, während die schmale, aber deutliche Erhebung auf einer 180-Gramm-Rheema-Scheibe wiederum anstandslos ausgebügelt wird. Vorhersagen hinsichtlich des zu erwartenden Resultats sind schwierig. Was wir indes durchgängig beobachten, ist, dass behandelte Platten hernach ein wenig runder, homogener und angenehmer klingen!
Wir haben den „Flatten it“ stets die empfohlenen zwei Stunden plätten lassen. So viel Zeit muss sein. Eilige dürfen gern kürzere Zyklen antesten. Wie gut die Einebnung am Ende gelingt, hängt stark vom Einzelfall ab. Grundsätzlich gilt: Während sich längerwellige Verformungen in aller Regel restlos ausbügeln lassen, reduzieren engere, wo sich womöglich schon beim Pressvorgang das Material nicht gleichmäßig verteilte, die Erfolgsquote. Dann hilft auch kein Nachheizen. Immerhin: Falten bügelt man sich nicht ins Vinyl.
