Pro-Ject E1.2 im Test: Wie gut ist der Einstiegs-Plattenspieler?

Pro-Jects neuer E1.2 ist das aktuelle Einstiegsmodell des Anbieters und soll Lust am Plattenhören für kleine Münze bieten. Geht das, und was ist zu diesem Preis eigentlich machbar?

Pro-Ject E1.2

Testfazit: Pro-Ject E1.2

Der Pro-Ject E1.2 Plattenspieler bietet für unter 330 Euro eine sehr gute Klangqualität und Verarbeitung. Dank einfachem Aufbau ist der manuelle Plattenspieler ideal für Einsteiger, einige Einstellmöglichkeiten fehlen jedoch, und die Geschwindigkeit ist nicht so genau, wie vielleicht möglich.

Pro

  • Gute Klangqualität für den Preis
  • Einfache Plug & Play Einrichtung
  • Gutes Preis-Leistungs-Verhältnis

Contra

  • Manuelle Bedienung Relativ hohe Geschwindigkeit beim Testmodell
  • Begrenzter Bedienkomfort und Einstellbarkeit

Das Ziel, Vinyl-Hörern mit geringem Budget größtmöglichen Genuss von ihren Schallplatten zu verschaffen, gehört zur DNA der österreichischen Marke Pro-Ject. Man könnte es gar als ihren Gründungsmythos bezeichnen. Mit dem Pro-Ject 1 startete 1991 die Mission für Qualität zum Sparpreis.

Und trotz Drehern bis in High-End-Gefilde hinein, die in der Folge erschienen, war es für Pro-Ject durch gut drei Jahrzehnte hindurch ein Anliegen wie die zentrale Herausforderung, das jeweils technisch wie klanglich stärkste Gerät im Einstiegssektor zu bieten und so manch halb gares Billigangebot zu ­konterkarieren.

Pro-Ject E1.2 kommt mit Pick It MM E

Das aktuelle Angebot zum günstigen Komplettpreis von nicht mal 330 Euro ist der E1.2, der dem bisherigen E1 nachfolgt und wie dieser mit viel Handarbeit im Pro-Ject-Werk im tschechischen Litovel gefertigt wird. Von wegen solche Produkte wären heute nur noch in China machbar!

Im Vergleich zu seinem Vorgänger bringt der Neue einen stabilen Metall­teller, ein hochwertiges Phono-Kabel sowie in Form des Pick it MM E einen hauseigenen MM-Tonabnehmer mit, dessen so leichter wie kräftiger Neodym-Magnet die Dynamik einbremsende Trägheitseffekte vermeiden soll.

Da Pro-Ject seit vielen Jahren beobachtet, dass die Kundschaft solch günstiger Plattenspieler kaum den Drang verspürt, sich aktiv mit diesen zu beschäftigen, setzt man so weit wie möglich auf „Plug & Play“. Nach dem Öffnen des Kartons ist nur noch der Riemen um die Motorscheibe respektive den Subteller aus hartem, glasfiberverstärktem Kunststoff zu legen. Bei dieser Gelegenheit wird man auch die mitgelieferte Staubschutzhaube auf die hervorstehenden Scharnierstifte schieben.

Aufbau des Pro-Ject E1.2 im Test

Nach dem Aufsetzen des flachen, am äußeren Innenrand gegen klangverfälschende Schwingungen bedämpften Metalltellers und der obligatorischen Filzmatte sowie dem Einstecken des fest mit dem Tonarm verbundenen Kabels ordentlicher Güte an den Phono-MM-Eingang des Verstärkers kann es losgehen.

Der E1.2 funktioniert rein manuell und verzichtet auf fast jeglichen Komfort. Mit einer Ausnahme. Der linksseitig angebrachte Laufwerksschalter hat drei Positionen: 33, „Aus“ und 45, sodass man für den Geschwindigkeitswechsel nicht mehr den Teller abheben und den Riemen per Hand auf die jeweils andere Pulley-Scheibe umlegen muss – immerhin!

Alternativ mit Phono und Bluetooth

Wer mehr will oder braucht, kann zum mit einem Phono-Vorverstärker ausgestatteten E1.2 Phono greifen. Dieser ist mit 359 Euro nur 30 Euro teurer als das puristische Basismodell, bereitet dafür die Tonabnehmersignale intern auf und benötigt folglich keinen spezialisierten Phono-Input. Prima, falls dieser am Verstärker fehlt.

Man kann den Dreher so auch an einem Ghettoblaster oder etwa an einer Aktivbox mit Lautstärkeregler betreiben. Wer zum E1.2 BT greift, erhält sogar die Möglichkeit, dies kabellos per Bluetooth zu tun. Für den sind dann knapp 400 Euro zu berappen – ebenfalls ein moderater Aufschlag. Beide Dreher sollen im Spätherbst auf den Markt kommen.

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Ganz so karg wie vermutet kommt der Basis-E1.2 indes nicht daher. Im Zubehör-Pack befindet sich eine Kippwaage zur Einstellung oder Überprüfung des Auflagegewichts, eine Schablone, falls mal ein anderer Abtaster montiert werden soll, ein kleiner Inbusschlüssel, der in die Befestigungsschräubchen des MME passt, und ein Adapter-Puck für Single-Platten.

Präzise fixierter Tonabnehmer

Der mit einer konischen Nadel versehene Abtaster, der mit gerade mal 59 Euro in der Preisliste der Österreicher steht, ist ab Werk präzise am Aluminiumrohr des Tonarms justiert. Sogar das mittels einer Madenschraube fest auf dem hinteren Armende fixierte und über ein thermoplastisches Elastomer von diesem entkoppelte Gegengewicht wurde voreingestellt.

Mit den von uns ermittelten 28,5 Millinewton lag die Auflagekraft zwar deutlich höher als die vom Datenblatt des MM E anempfohlenen 20 mN, doch in der Praxis erwies sich dieses Vorgehen angesichts der damit erreichten unverzerrteren Hochtonwiedergabe sowie einem insgesamt vollmundigeren Auftritt als goldrichtig. Und die robuste Rundnadel nimmt das bisschen mehr an Druck gewiss ebenso wenig übel wie die Plattenrille – im Gegenteil!

Das ohne für Resonanzen anfällige Hohlräume gefertigte Chassis aus hochdichtem MDF ist sauber mit Kunststoffauflagen belegt, wobei glänzendes Schwarz oder Weiß sowie ein seidenmattes Holzdekor zur Auswahl stehen. Unter dieser Grundplatte sorgen ebenfalls TPE-befüllte Füße für eine gewisse Dämpfung von Störungen aus der Stellfläche.

Pro-Ject E1.2 im Labor-Test: gut, aber Probleme beim Tempo

Im Labor lieferte der E1.2 eine routinierte Leistung ab. So erstaunt die hohe Kanalgleichheit des extrem günstigen Tonabnehmers, dessen Frequenzgang nach einer geringen Präsenzsenke zu den oberen Höhen hin ansteigt. Allerdings liegt dieser bei zehn Kilohertz erst 2,5 Dezibel über der Nulllinie. Dennoch sind prononcierte s-Laute zu erwarten und dass der Dreher etwas müde und muffig tönenden Anlagen so eine Prise mehr Frische einhaucht.

Die Rumpelwerte gehen für einen Plattenspieler dieser Preisklasse voll in Ordnung, und auch am Gleichlauf gibt es nichts zu meckern. Überrascht waren wir allerdings davon, dass das Tempo ein gutes halbes Prozent unter dem Zielwert von 33,33 Umdrehungen lag. Das ist untypisch für Pro-Ject. Dafür ursächlich mag sein, dass wir ein frühes Exemplar aus der Vorserie zum Test erhielten. Letztlich aber auch kein Beinbruch. Im Hörraum zeigte der Riementriebler dann, was Pro-Ject ihm vor allem mitgegeben hat und Messgeräte nicht erfassen können: seinen Instinkt für Musik.

Erste Höreindrücke mit dem Pro-Ject E1.2

Legte man die Schallplatten von teureren, aufwendigeren und gewiss auch besseren Drehern auf den E1.2 um und ließ das MM E mittels des angenehm sämig laufenden Lifts in die Rille sinken, blieb deren Ausdruck und musikalischer Impetus weitgehend erhalten. Wer vermutet hatte, dass das Budget-Modell vergleichsweise lasch und uninspiriert vor sich hin spielen würde, sah sich unmittelbar angenehm enttäuscht.

Der innere Drive von Diana Kralls quirligem Opener zu ihrem berühmten Konzert im Pariser „Olympia“ war ebenso da wie die meditative Grundstimmung von Tiny Islands tiefenentspanntem „When I Feel The Sea Beneath My Soul“. Der kleine Pro-Ject bringt das fürs erfüllende Zuhören notwendige Aufmerksamkeitspotenzial für die individuellen Gemütslagen der Titel mit. Diese sind eben für die emotionale Ansprache und Bindung des Zuhörers wichtig. Mit dem Schmachtfetzen „Warmth Of The Sun“ vermittelte das ambitionierte Einstiegsmodell der Österreicher durchaus dessen Hang zu Sehnsucht und elegischem Herzschmerz.

Der Pro-Ject kann auch Bass, Timbre und Ordnung

Ein wichtiger Punkt, damit dies gelingt, ist der Fakt, dass der E1.2 keineswegs blass oder gar dünn klingt. Mit den Klangfarben erlischt bei Plattenspielern der unteren Klasse ja oft genug auch jegliche audiophile Glut. Doch den kräftigen Bass in James Taylors „Her Town Too“, der den Gutteil des klanglichen Reizes dieses Titels ausmacht, brachte der flache Dreher überraschend satt zu Gehör.

Die dunkle Stimme Neil Diamonds bestach in „Stones“ ebenfalls durch ihr sonores Timbre. Anders kröche sie einem auch nicht so wohlig ins Gemüt. Dass sich die Musik stets gut von den Lautsprechern löste und in sich gut geordnet erschien, rundete die positiven Eindrücke ab.

In dieser Weise verfolgte der kleine Pro-Ject seinen Auftrag – Hörspaß zum kleinen Preis – mit gewissem missionarischen Eifer und vermittelte neben einem Eindruck von der klanglichen Güte der jeweiligen LP obendrein stets einen Gutteil ihres musikalischen Impetus – egal, ob beschwingt oder getragen. Und das ist zu diesem Preis tatsächlich mehr als erwartet.



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