Wie klingt eine Gitarre?Instrumenten-Sound im Fokus

Die akustische Gitarre in ihren verschiedenen Bauweisen bietet ein enormes Klangfarbenspektrum. Was prägt den Klang der Instrumente und wie lässt er sich optimal einfangen? Dieser Beitrag klärt auf.

Black microphone clipped to the strings of an acoustic guitar near the soundhole, for recording.

Die akustische Gitarre ist das meistgespielte Musikinstrument überhaupt, entsprechend zahlreich sind reine Gitarrenalben. Dabei wird stilistisch ein sehr weites Feld bestellt: Von Klassik über Jazz, Weltmusik und Pop in kaum überschaubaren Verästelungen reicht das Angebot – ein Beleg für die Vielseitigkeit der Gitarre. Über den Klang der Gitarren entscheiden aber grundsätzlich Typ und Bauweise sowie die vom Hersteller verwendeten Materialien. Die individuellen Unterschiede machen die Musiker und deren eigene Gitarren – ob von der Stange oder als maßgeschneidertes Meisterinstrument.

Sehen wir uns die Grundtypen der Akustikgitarre einmal näher an: Grob lassen die sich in zwei Typen unterscheiden. Erstens die Konzertgitarre mit Nylonsaiten, die – teilweise in speziellen Unterausführungen – in der Klassik, im Flamenco, der lateinamerikanischen Musik sowie in Pop und Jazz zum Einsatz kommt. Zweitens die Stahlsaitengitarre, welche es in mannigfachen Varianten gibt und bevorzugt von Fingerstylern und (Fusion-)Jazzern, die gern Plektren nutzen, gespielt wird. Gemeinsam ist den Instrumenten, dass sie vergleichsweise leise sind und die Töne schnell verklingen, ihnen aber auch eine gewisse Perkussivität – Stichwort Impulsverhalten – zu eigen ist. Was die Gitarre an sich besonders reizvoll macht, ist ihr Klangfarbenreichtum: Denn ein und derselbe Ton lässt sich in verschiedenen Registern und Saiten mit jeweils eigener Klangfarbe erzeugen. Deswegen verglichen die Konzertgitarristen Andrés Segovia und Julian Bream die Gitarre mit einem Orchester, betrachtet durch ein umgedrehtes Fernglas.

Welche Hölzer prägen den Klang akustischer Gitarren?

Das klingende Herzstück jeder Akustikgitarre ist die Decke. Für die werden traditionell weiche, gut abgelagerte Nadelhölzer verwendet. Der Klassiker ist die Fichte, wobei die deutsche Alpenfichte das höchste Ansehen genießt. Seit den 1960er-Jahren findet auch die kanadische Rotzeder, ebenfalls ein Nadelholz, für Decken Verwendung. Klanglich gibt es deutliche Unterschiede: Die Fichte klingt klar, eher hell und sehr ausgewogen. Die Zeder dunkler mit Betonung von Bässen und Diskant. Dafür aber weniger ausgewogen.

Traditionell sind die Decken aus Massivholz, das heißt zusammengefügt aus zwei Brettchen. Sperrholzdecken, die aus mehreren dünnen Schichten zusammengeklebt sind, finden sich nur bei billigen Einsteigerinstrumenten. Eine Sonderform bei High-End-Konzertgitarren sind die modernen „Doubletops“. Die verfügen über eine laminierte Decke: Zwei Bretter sind auf kunstvolle Weise miteinander verbunden. Diese Instrumente sind in der Regel sehr laut, bieten aber gegenüber traditionell gebauten Konzertgitarren ein reduziertes Klangfarbenspektrum.

Stahlsaitengitarren, mitunter pauschal als Westerngitarren bezeichnet, haben meistens Fichtendecken. Sehr teure Instrumente auch Alpenfichten, häufiger sind Engelmann- oder Sitka-Fichte, die in den USA, dem ursprünglichen Herkunftsland der Instrumente, wächst. Sehr selten verwenden Hersteller die Zeder, obschon die bei Stahlsaitengitarren einen ungewöhnlich vollmundigen Ton, der an eine Kathedrale erinnert, liefern kann.

Der Korpus, bestehend aus Boden und Zargen, ist meistens auch aus Holz. Über seinen Einfluss auf den Klang streiten sich Gitarrenbauer und Gitarristen seit Ewigkeiten. Der Schöpfer der modernen Konzertgitarre, Don Antonio de Torres, hielt den Korpus für mindestens zweitrangig – und baute zum Beweis eine Gitarre mit Pappmaché-Korpus. Andere lassen nur extrem teure Hölzer wie das unter allerstrengstem Artenschutz stehende Rio-Palisander gelten. Tatsächlich hat das Korpusholz einen Einfluss auf den Klang: Sehr harte Hölzer wie Palisander, Granadillo oder Makassar-Ebenholz sorgen für Definition und Klarheit. Mahagoni hingegen macht den Klang sehr warm, was durchaus seinen Reiz hat.

Besondere Formen von Gitarren

Der US-amerikanische Hersteller Ovation geht schon immer einen Sonderweg: Bei seinen Instrumenten besteht der Korpus aus einer Kunststoffschale. Das sorgt für einen speziellen, sehr ausgewogenen Klang, dem allerdings ein gewisses Plastikelement zu eigen ist. Mit seinen Topinstrumenten der Adamas-Reihe geht Ovation noch weiter: Deren ultradünne Decke ist aus synthetischem Grafit. Obschon diese Gitarren außergewöhnlich gut ansprechen und sehr resonant sind, steht ein Beweis für ihre klangliche Überlegenheit noch aus.

Eine Nische besetzten auch die Jazz-Gitarren: Die sind nach dem Vorbild von Streichinstrumenten gemacht und verfügen über eine gewölbte Decke, die bestenfalls aus einem Brett geschnitzt wurde. Auch der Boden der Jazz-Gitarre, auch Cello-Gitarre genannt, ist gewölbt. Das macht die Instrumente sehr mittenstark und durchsetzungsfähig – ideal für Ensembleaufnahmen. Rein akustische Aufnahmen gibt es aber kaum. Eine Ausnahme und hiermit ausdrücklich empfohlen: „Tone Poems II“, bei dem der Mandolinist David Grisman mit dem britischen Jazz-Virtuosen Martin Taylor berühmte Instrumente rein akustisch präsentiert.

Die Art der Tonerzeugung spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Konzertgitarristen und praktisch alle Flamenco-Gitarristen spielen ihre Instrumente mit den Fingernägeln. Obschon der kaum praktizierte Kuppenanschlag einen wärmeren – allerdings auch obertonarmen – Ton produziert, lassen sich mit dem Nagelanschlag mehr Farben erzeugen. Außerdem lässt es sich so lauter und tatsächlich auch schneller spielen. Viele Stahlsaitenspieler verwenden alternativ sogenannte Fingerpicks aus Kunststoff oder Metall, was allerdings mitunter zu einem etwas harten, mehr oder weniger nebengeräuschlastigen Klang führt. Die Machart der Instrumente und die Stilistik sowie die Spielweise der Musiker wirken sich, wie wir gleich sehen werden, auch auf die Aufnahmen aus.

Warum der Raum für den Gitarrenklang entscheidend ist

Dass Klassikaufnahmen oft sehr viel Raumklang enthalten, hat gute Gründe: Moderne Meistergitarren sind oft für Konzertsäle und nicht mehr wie dereinst für Salons gebaut. Ihren Klang entfalten moderne Spitzengitarren deswegen erst in akustisch angemessener Umgebung. In jedem Fall gibt es eine Interaktion zwischen Instrument und Raum, die Musiker und erfahrene Toningenieure gern ausnutzen. Norbert Kraft, der leitende Gitarren-Produzent bei Naxos und selbst ein herausragender Konzertgitarrist, setzt auf eine Kirche in Newmarket, Kanada, weil deren Akustik der Gitarre besonders förderlich sei. Mit dem spanischen Weltklassegitarristen Ricardo Gallén, seit langem Professor in Weimar, nahm er dessen wunderbares Bach-Album auf. Einen Einblick in die Produktion liefert das schöne Making-of-Video:

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Akustikgitarren im Studio: Was zählt bei der Aufnahme?

Im Studio werden Gitarren in der Regel aus der Nähe aufgenommen. Dafür eignen sich besonders ausgewogene Instrumente. Die haben weniger prominente Bässe als moderne Konzertgitarren oder bestimmte Stahlsaitengitarren. Deswegen sind die von Puristen oft verschmähten Ovations sehr gut für Studioaufnahmen geeignet. Nicht umsonst schworen Al Di Meola, Larry Coryell oder auch der Anfang 2024 verstorbene Siegfried „Sigi“ Schwab, der auf rund 15.000 Titeln mitwirkte, auf ihre Ovations: „Die waren im Studio und live ideal, wenn eine Produktion schnell und unkompliziert über die Bühne gehen musste.“ So beispielsweise auf dem Album „Siggi (sic!) Schwab Plays Paul Simon“, wo der Meister allerdings eine hochwertige Konzertgitarre spielte: „Das war ein typischer Studiojob: Die Noten, handgeschriebene Manuskripte, kamen per Luftpost, ich spielte die Arrangements in zwei Tagen ein, dann mussten die Partituren sofort zurück.“

Edle Stahlsaitengitarren zeichnen sich oft durch einen voluminösen Klang, der seine Kraft über den gesamten Umfang weitgehend behält, aus. Der Vergleich mit einem guten Flügel drängt sich auf. Allerdings erfordert diese Klanggewalt besondere Maßnahmen beim Aufnehmen. Peter Finger, der Doyen der deutschen Fingerstyler-Szene, hat viele seiner eigenen Alben und die von Kollegen im eigenen Studio in Osnabrück aufgenommen. Dabei arbeitet er sehr minimalistisch. Den Instrumentenklang fängt er in der Regel allein durch die Positionierung der Mikrofone ein. Ein Equalizer kommt nur ausnahmsweise zum Einsatz: „Schwierig kann das mit sehr bassstarken Instrumenten wie einer im Fingerstyle gespielten Martin D-28 werden. Würde ich da aber im Bereich von 100 bis 200 Hertz filtern, ginge das auf Kosten der Mitten und des Gesamtklangs. Deswegen suche ich die optimale Mikrofonposition. Grundsätzlich gehe ich gern nah ran, zur Unterdrückung von Anschlaggeräuschen halte ich aber noch einen Sicherheitsabstand ein.“

Nebengeräusche sind generell ein Problem beim Gitarrenspiel. Der geringe Abstand von Instrumentenklang und Nebengeräusch ist typisch für die von Claude Debussy als „Piano-Instrument“ bezeichnete Gitarre. Topgitarristen, gleich welcher Stilistik, können beispielsweise die typischen Greif- und Rutschgeräusche ziemlich gut unterdrücken. Peter Finger: „Ganz ist das – gilt auch für Atemgeräusche – nicht wegzubekommen. Mich selbst stört das nicht, denn das macht eine Aufnahme lebendiger. Wobei die Klassiker insoweit sehr viel penibler als die Fingerstyler und Jazzer sind.“ Die Finger-Aufnahmen verdienen seit jeher das Prädikat „audiophil“. Ein besonderer Leckerbissen ist „Made Of Rosewood“, denn hierauf hat der Musiker ein selbst gefertigtes, ungemein klangfarbenreiches Spitzeninstrument wunderbar in Szene gesetzt.

Wer auf atemberaubende Virtuosität steht, kommt an Joscho Stephan, dem Supervirtuosen des Gypsy Swing, nicht vorbei. Der spielt auf einer Gitarre aus der Meisterwerkstatt des fränkischen Gitarrenbauers Jürgen Volkert – einem der besten Schöpfer von Gypsy-Gitarren im Stil der vom legendären Django Reinhardt gespielten Selmer-Gitarren. Während die Selmers aber eher mittig und leicht komprimiert tönen, haben die Volkert-Gitarren einen größeren, einmal mehr pianistischen Klang. Den weiß Joscho Stephan stets zu nutzen, wringt alle Klangnuancen mittels seines hoch entwickelten Plektrumanschlags und einem weiten Vibrato auf seinen zahlreichen Alben aus.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Den akustischen Gitarrenklang an sich gibt es sicher nicht, weswegen wir unseren Überblick auf bestimmte Typen und Stilistiken konzentriert haben, damit Sie mit eigenen Ohren den Klang herausragender Repräsentanten auf ihren Instrumenten erleben können.



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