Wie entstehen berühmte Albumcover?
Plattencover können Alben zu Ikonen werden lassen. Es gibt Beispiele, die so gut wie jeder kennt. STEREO wirft einen Blick auf die goldene Ära der Album Cover Art.

Wodurch steigt ein Album in den Rang eines musikalischen Meilensteins auf? Sicherlich durch seine Musik. Manche Alben wurden allerdings auch durch ihre markanten Cover zu Ikonen, man denke nur an „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ oder „Abbey Road“ von den Beatles. Album Cover Art muss man inzwischen den bedrohten Spezies zurechnen. Denn ihre „Leinwand“ ist vom rund zwölf mal zwölf Zoll messenden LP-Cover auf Briefmarkengröße bei der heute dominierenden Art des Musikhörens, dem Streaming, zusammengeschrumpft.
L’Art pour l’art
Für die Gestaltung eines Albumcovers wurden früher erheblicher Aufwand betrieben und Unsummen investiert. Noel Gallagher von der Band Oasis sagt über diese Epoche: „In den Sechzigerjahren waren Rockstars Künstler, und Grafikdesigner [die die Albumcover entwarfen] waren ebenso Künstler. All diese Werke sind zeitlos.“

Einer, der sich hier bestens auskennt, ist John Colton. Seine Berliner Browse Gallery (s. Info weiter unten) hat schon viele Ausstellungen zum Thema „Album Cover Art“ kuratiert. „Damals hatten Künstler mit den Albumcovers einen Bereich, wo sie sich austoben konnten – ohne gemaßregelt zu werden, was Kunst ist und was man machen darf und was nicht“, sagt Colton: „Es herrschte eine Art demokratisches Verständnis, dass man sich in einer Kunstform frei ausdrücken durfte.“

In den zwei Jahrzehnten, die die Browse Gallery schon existiert, hat Colton Künstler wie Peter Blake ausgestellt. Dieser hat als Vertreter der Pop-Art etwa das zuvor erwähnte „Sgt. Pepper’s“-Beatles-Cover kreiert. „Noel Gallagher hat das wirklich sehr schön gesagt, dass das die Kunst des einfachen Mannes ist, die nicht an der Wand hängt, sondern sich gestapelt auf dem Boden oder im Plattenregal befindet“, zitiert Colton den Oasis-Gitarristen augenzwinkernd.
Schwerpunkt auf Album Cover Art: Browse Gallery
Die Berliner Browse Gallery blickt auf eine 20-jährige Geschichte zurück. Die Kuratoren John Colton und Sabine Drwenzki konzipieren Wanderausstellungen, wobei dem Bereich „Album Cover Art“ ein Schwerpunkt zukommt. Neben diversen Hipgnosis-Ausstellungen wurden u. a. Pop-Artist Peter Blake (s. Bild) oder Cover Art von David Bowie oder Oasis-Platten ausgestellt. Für ein neues, großes Ausstellungsprojekt zum kulturellen Erbe von Hipgnosis sucht die Galerie interessierte Ausstellungsorte. Infos: www.browse.gallery
Hipgnosis – die „Go-to-Agentur“
Neben einer starken Verbindung zur Berliner Kunstszene kooperieren Colton und seine Co-Kuratorin Sabine Drwenzki insbesondere mit Aubrey Powell. Zusammen mit dem inzwischen verstorbenen Storm Thorgerson gründete Powell 1968 die britische Grafik-Agentur Hipgnosis. Auf ihr Konto gehen viele bekannte Plattencover von Pink Floyd, Led Zeppelin, Yes, Peter Gabriel, Paul McCartney & Wings, 10cc, AC/DC, Alan Parsons Project und Genesis, um nur einige zu nennen. Für die Crème de la Crème des Seventies-Rock und -Pop war Hipgnosis die „Go-to-Agentur“.

Ihr Covermotiv des Pink-Floyd-Albums „The Dark Side Of The Moon“ gilt als eines der bekanntesten Albumdesigns aller Zeiten. Mehr noch: „Es heißt, dass es mehr Menschen kennen als die Mona Lisa“, sagt John Colton. Inspiriert wurde es durch ein Physikmagazin zum Thema Licht. Thorgerson machte keinen Hehl daraus, sich auch gern mal Ideen zu „borgen“ – ob aus dem Fundus der bildenden Künste oder anderswoher.
„Cover-Storys“ aus erster Hand
Galerist Colton betrachtet Album Cover Art als wichtigen Teil der Kunstwelt: „Wenn du mit Peter Gabriel oder Pink Floyd oder Yes oder was auch immer aufgewachsen bist, dann hängt da mit dem Cover-Motiv auch ein Teil von dir an der Ausstellungswand. Das spiegelt deine Gefühle und deine Interessen wider.“.
Welch zum Teil verrückten Geschichten hinter einigen der Albumcover der beiden Hipgnosis-Gründer Aubrey Powell und Storm Thorgerson stecken, mögen die nachfolgenden vier Beispiele veranschaulichen.
Peter Gabriel – Car
Für das erste von Peter Gabriels drei gleichnamigen Solo-Alben, die nach seinem Ausstieg bei Genesis erschienen, hat sich der inoffizielle Name „Car“ eingebürgert. Auf dem Coverbild (Bild unten) sitzt Gabriel auf dem Fahrersitz eines mit Wasser besprühten Lancia Flavia. Eine Taxifahrt über den Trafalgar Square im strömenden Regen hatte Storm Thorgerson dazu inspiriert. Er schlug dem experimentierfreudigen Gabriel daraufhin diese Idee vor, die dieser auf Anhieb durchwinkte.

Richard Manning, Retuscheur bei der Agentur Hipgnosis, kolorierte die finale Aufnahme der Fotosession von Powell und Thorgerson von Hand mit blauer Farbe. Zudem kratzte er die Lichtreflexionen auf jedem einzelnen Regentropfen geduldig mit einem Skalpell weg. Das Ergebnis war ein hyperrealistisches Bild von ikonischer Anmutung. Der Name des Künstlers erscheint auf dem Cover lediglich klein in der linken oberen Ecke.
Pink Floyd – A Momentary Lapse Of Reason
Geld spielte damals, 1987, für Pink Floyd und ihre Plattenfirma keine Rolle. Es ging darum, das Bild für das Albumcover von „A Momentary Lapse Of Reason“ exakt so zu realisieren, wie es der Idee von Storm Thorgerson entsprach. Die 700 Betten für das Bild kamen aus Krankenhäusern und Lagerbeständen und wurden händisch an den Strand geschleppt und aufgestellt. Sie wurden identisch ausgerichtet, damit das Bild nicht chaotisch wirkt.

Das Wetter war kalt und sehr windig. Es dauerte Stunden, bis das Licht passte, zwischendurch kam die Flut. Mit ihr umspülte Wasser die Betten. Das Team musste sie mehrfach umstellen, um das Bild zu retten.
Wings Greatest
In den Siebzigern zählte auch Paul McCartney zum Kundenkreis von Hipgnosis. So gestaltete die Agentur das Cover für das Album „Wings Greatest“ aus dem Jahr 1978. Es zeigt ein Foto einer weiblichen Statue in verschneiter Berggipfellandschaft (Bild unten). Die eher kleine Art-déco-Statue, die McCartney gern auf dem Cover haben wollte, flog mit dem Hipgnosis-Team in die Schweiz, wo sie sorgfältig auf einem Berggipfel in den Alpen drapiert wurde. Fotografiert wurde sie dann aus einem Hubschrauber heraus. Aufwendiger geht’s kaum …

10cc – Look Hear?
Das Cover des Albums „Look Hear?“ der Band 10cc ist fast gänzlich mit Text im Stil einer Zeitungsschlagzeile ausgefüllt: „Are You Normal“. Das Bild eines Schafs auf einer Psychiater-Couch ist darauf winzig klein abgebildet (siehe hier), was in keinem Verhältnis zu dem Aufwand steht, der dafür betrieben wurde.

Da Englands Strände im Winter trostlos seien, wie man bei Hipgnosis befand, wollte Fotograf Powell nach Hawaii: „Wegen der Sonne, der Wellen und des Sandes. Als ich dort ankam, gab es keine Schafe oder Psychiater-Liegen, beides musste während der folgenden Woche organisiert werden. Es war kompliziert und wirklich nicht normal.“ …
Die fetten Jahre sind vorbei: der aktuelle Stand der Branche
Diese Wirkmächtigkeit der Verbindung von Visuellem und Musik droht in Zeiten von Streaming verloren zu gehen. Colton denkt, dass das Rad der Zeit ohnehin nicht mehr zurückzudrehen ist: „Allein die Produktion mit Pink Floyd, bei der Storm Thorgerson für das Cover von ,A Momentary Lapse Of Reason‘ ein Bild von einem Strand mit etwa 700 Betten gemacht hat (Aufmacherbild ganz oben): Das war alles analoge Arbeit und kostete viel Geld. Heutzutage, wo man es mit Photoshop machen kann, würde das keine Produktionsfirma mehr mitmachen.“

Auch wenn die große Ära der Cover Art der späten Sechziger- bis Ende der Siebzigerjahre lange schon vorbei ist, so kann sich Colton als Galerist doch am regen Interesse an diesen Bildern freuen, denn die Browse Gallery verkauft ausgesuchte Motive etwa von Aubrey Powell und Hipgnosis: „Die ikonischen Bilder von vielen dieser Werke haben auf dem Markt durchaus ihren Wert“, weiß Colton. „Natürlich nicht die Plattencover selbst, aber die großen, limitierten und signierten Fine-Art-Drucke der Covermotive.“
Wer ist Aubrey Powell?
Aubrey „Po“ Powell, geboren am 23.11.1946 in Sussex, ist Mitbegründer des legendären Designstudios Hipgnosis, das er 1968 gemeinsam mit Storm Thorgerson ins Leben rief. In den 1970er-Jahren schuf das Studio einige der ikonischsten Albumcover der Rockgeschichte und prägte die visuelle Sprache des Genres nachhaltig. Powell wirkte als Grafikdesigner, Fotograf sowie als Regisseur von Musikvideos und Dokumentationen, wobei er besonders eng mit Pink Floyd zusammenarbeitete, mit denen er seit Jugendzeiten befreundet war. Nach dem Ende von Hipgnosis (1985) blieb er als Autor, Berater und Filmemacher aktiv. Als Pionier des konzeptuellen Album-Cover-Designs setzte Powell Maßstäbe.
Infos: www.aubreypowell.com
„Squaring the Circle – The Story of Hipgnosis“
Wenn wir jetzt Ihre Neugier geweckt haben: In dem Film „Squaring the Circle“ von 2022 lässt Filmemacher Anton Corbijn neben Powell auch andere Zeitzeugen die Geschichte vom Aufstieg und Fall von Hipgnosis erzählen.
Die Achtzigerjahre brachten eine andere Art von Rock- und Pop-Musik hervor. Damit endete die Hipgnosis-Ära: Im Jahre 1985 trennten sich die Wege von Powell und Thorgerson.
Stand Hipgnosis vor allem für Fotokunst, gab und gibt es auch Bands und Künstler, die sich ihre Cover malen ließen. Ein prominentes Beispiel dieser Variante von Album Cover Art ist der Brite Mark Wilkinson. In den Achtzigerjahren erlangten seine Arbeiten im Zuge des Erfolgs der Prog-Band Marillion große Aufmerksamkeit. In nachstehendem Interview spricht er darüber, wie es dazu kam und wie ein Cover-Art-Künstler wie er arbeitet.
„Es beginnt mit einem Briefing …“: Mark Wilkinson im Interview
Mark Wilkinson schuf ikonische Cover für Marillion oder Iron Maiden. Vom 14. bis 16.5.kann man ihn auf der Fantasy Basel treffen. Wir sprachen mit ihm über seine spezielle Kunst.

Mr Wilkinson, wie kommt man dazu, ein „Cover Art“-Künstler zu werden wie Sie??
Ich war schon seit meiner späten Teenagerzeit ein Fan von Albumcovern; daher war es immer mein Traum, Albumcover zu entwerfen. Ich besuchte Mitte der 1970er-Jahre für ein paar Jahre kurz die Kunsthochschule. Die Arbeit lief anfangs schleppend an, einige Jahre lang habe ich Buch- und VHS-Video-Cover illustriert. Letztlich war es ein zufälliges Gespräch in einer Bar, das ein Freund Anfang der Achtzigerjahre mitbekam, durch das ich Marillion kennenlernte. Als das Album „Misplaced Childhood“ herauskam, etablierte ich mich als Designer und Künstler; plötzlich wurde ich von anderen Bands angesprochen – nicht nur für die Cover, sondern mitunter auch für Bühnenbilder, Tour-Merchandise und dergleichen.
Wie entstehen Ihre Cover-Motive?
Es beginnt mit einem Briefing der Band oder des Bandmanagements. Das kann alles Mögliche sein: von einer einfachen Idee über eine Beschreibung dessen, was sie suchen, bis hin zu einer groben Skizze, die sie selbst angefertigt haben. Es kann ein Songtext sein oder auch nur der Titel des Albums. Gelegentlich bekomme ich auch überhaupt keine Vorgaben. Manche Bands arbeiten schon lange mit mir zusammen und bitten mich einfach, eigene Ideen auf Basis früherer Kunstwerke zu entwickeln. Sobald ich einige grobe Skizzen oder schriftliche Notizen geschickt habe, bitten mich die Bands vielleicht, eine Idee weiterzuentwickeln oder auszuarbeiten.

„Script For A Jester’s Tear“ zum Beispiel wurde mir vom Marillion-Frontmann Fish sehr detailliert vorgegeben: Er beschrieb mir genau, was er wollte. „Misplaced Childhood“ war bereits das dritte gemeinsame Album, und so vertraute mir die Band, dass ich eigene Ideen rund um einen „Trommlerjungen“ entwickelte. Es blieb mir überlassen, den Hintergrund zu gestalten und die Kleidung des Jungen zu entwerfen.
Wie sehen Sie Cover Art: eher aus künstlerischer oder musikalischer Perspektive?.
Ich betrachte Albumcover als eine visuelle Begleitung; das eine ist ohne das andere unvorstellbar. Wenn ich mir meine Lieblings-Albumcover ansehe – zum Beispiel für Tool die atemberaubende Kunst von Alex Grey oder Rick Griffins Album-Kunst für Grateful Dead oder die Kunst von Sleep Token –, dann höre ich gleichzeitig die Musik in meinem Kopf.

Sie haben auch Cover für Heavy-Metal-Acts wie Judas Priest oder Iron Maiden gestaltet. Beeinflusst die Art des Genres Ihre Arbeit?
Iron Maiden haben einen von Derek Riggs entworfenen Charakter, der so berühmt und etabliert ist, dass es schwerfällt, diesem Erbe einen eigenen Stempel aufzudrücken. Es hat keinen Sinn, Dereks Stil zu kopieren, das führt in den Wahnsinn. Ich entschied mich, „Eddie“ mit meinen zwei Albumcover-Versuchen in einen dunkleren Bereich zu führen, um ein Gefühl von Horror zu vermitteln, das so unmittelbar ist, dass man meint, seinen Atem spüren zu können.
Ein Vinyl-Albumcover misst etwa 12 x 12 Zoll. Wie groß ist das eigentliche Bild, das Sie dafür malen?
Das variiert. In der Anfangszeit für Marillion waren sie vielleicht ein Viertel größer als das gedruckte Gatefold-Album. Inzwischen arbeite ich viel großformatiger, bis zu 90 cm im Quadrat. Nach vielen Jahren mit digitaler Kunst bin ich nun wieder zur Malerei zurückgekehrt.
Der Massenmusikmarkt wird heute vom Streaming dominiert. Wie sehen Sie die heutigen Cover, die oft nur als winzige Thumbnails auf mobilen Geräten erscheinen – wirkt sich das auf Ihre Arbeitsweise aus?
Man sieht sie vielleicht zuerst als dieses Thumbnail auf einem Smartphone, aber letztlich landen sie in viel größerem Format auf Tourpostern. Bei den größeren Bands kann ihre Album-Kunst für Bühnenbilder oder Projektionen riesig sein. Viele Bands sind heute auf T-Shirt-Verkäufe angewiesen, um ein Einkommen zu erzielen; hier sieht man, warum das Artwork einer Band so wichtig für ihr Überleben ist. Ich stecke daher genauso viel Detailarbeit in meine Albumcover wie eh und je. Es spielt keine Rolle, dass es auf einem Telefon vielleicht nur klein zu sehen ist – es wird irgendwann viel größer zu sehen sein.
