Werksbesuch bei Denon & Marantz: Die Kunst der Sound Master

STEREO durfte in den Shirakawa Audio Works in Japan einen Blick hinter die Kulissen von Denon und Marantz werfen und zudem die Klangbestimmenden Sound Master der Marken treffen.

Fabrik Denon & Marantz Shirakawa

Was Technologie und HiFi angeht, ist Japan eines der einflussreichsten Länder der Welt. Hier gibt es so einige traditionsreiche Namen der Branche: zum Beispiel das seit über 110 Jahren aktive HiFi-Urgestein Denon sowie die Schwesterfirma Marantz. Beide gehören seit Kurzem über Sound United zu Harman und damit zum Samsung-Konzern.

Diesen beiden HiFi-Schwergewichten statteten wir einen Besuch ab und bekamen Einblicke in Philosophie, Herstellung und Entwicklung von Denon und Marantz. Über die Jahre hat sich bei beiden viel getan, wobei die Fertigung und Entwicklung Konstanten sind. So sind die Shirakawa Audio Works bereits seit 1983 die Heimat von Denon. Nach dem Zusammenschluss der Firmen im Jahr 2002 zog auch die ursprünglich in New York gegründete Firma Marantz in diese Fabrik.

Shirakawa Audio Works: HiFi-Produktion auf 34.000 Quadratmetern

Dabei ist Shirakawa ein eher kleines Städtchen mit knapp 60.000 Einwohnern. Es liegt zentral in Japan in der Präfektur Fukushima. Unweit des Bahnhofs findet sich ein Schild, welches die mit bei unserem Besuch blühenden Kirschbäumen geschmückte Einfahrt zu den Shirakawa Audio Works markiert, wo man auf knapp 34.000 m² emsig konstruiert und entwickelt. Nachdem Schuhe ausgezogen und gegen Schlappen getauscht wurden, geht es als Erstes ins Firmenmuseum mit wegweisenden Produkten von Denon und Marantz. Wer noch mehr Nostalgie und Technikbegeisterung will, findet zudem in einem schier endlosen Gang die „Hall of Fame“ beider Marken mit der mutmaßlich größten Sammlung ihrer Produkte.

Und nur ein paar Meter weiter findet sich ein kleiner Raum, in dem drei Mitarbeiter etwas aufwendig von Hand konstruieren, was es bei Denon schon seit 1964 (!) gibt: den legendären Tonabnehmer DL-103 (sowie seine Abwandlungen). Das Team stellt circa 40 Tonabnehmer pro Tag her. Dafür stehen vier Maschinen bereit, mit denen der ultrafeine Draht um die Spule gewickelt wird, bevor die Tonabnehmer von Hand verlötet werden. Gleich nebenan ist auch der abschließende Funktionstest.

Nach einem Gang durch das bereits riesige Teilelager geht es erst richtig los. Denn zuerst geht es in die erste Produktionshalle, in der die Firma ihre Platinen bestückt. In diesem Raum in der von außen unscheinbaren Fabrik wird erst klar, in welchen Dimensionen Denon und Marantz hier arbeiten.

Wie entstehen die Platinen von Denon und Marantz?

In mehreren vollautomatischen Produktionslinien werden Platinen mit kleinen und kleinsten Bauteilen bestückt. Dafür stehen sechs Automaten bereit, neben fünf Maschinen für Oberflächenmontage (SMT). Hierbei werden die Bauteile direkt auf die Leiterplatte gelötet. „Maschine“ bedeutet hier eigentlich eine Reihe meterlanger Maschinen, welche die Bauteile untereinander weitergeben. Kleine Ärmchen im Inneren setzen in verblüffender Geschwindigkeit die Bauteile ein. Es ist fast hypnotisch, dies zu beobachten. Am Ende des Raumes sammelt sich Kiste um Kiste von fertigen Schaltkreisen, bereit zum Einbau – aber nicht, bevor jedes Teil noch manuell auf Mängel kontrolliert wird.

Gebaut werden in Shirakawa zahlreiche Produkte der beiden Marken, allen voran die High-End-Komponenten sowie die Delta-Serie der zugehörigen Marke Classé. Konkret entstehen hier unter anderem die 10er-Serie von Marantz, aber auch die Streaming-Amps Model M1 und M4 sowie etwa diverse AV-Receiver, PMA-3000NE und DCD-3000NE von Denon; allen gemein ist der Schriftzug „Made in Japan“.

Letzteres vollzieht sich in der nächsten großen Halle, wo die Mitarbeitenden von Audio Works ihre festen Arbeitsschritte ausführen: Einbauen der Schaltkreise in Gehäuse, Verkabelung, Anschlüsse von Einzelteilen integrieren und immer wieder Qualitäts- und Funktions-Checks sind fester Teil der „Fließband“-Arbeit. Doch gestresst wirkt die Arbeit hier nicht, eher perfekt koordiniert – wie eine eigene Maschine, bei der alle gewissenhaft ihren Teil erledigen.

Made in Japan: Welche Geräte in Shirakawa gebaut werden

Welches Produkt gerade gebaut wird, ändert sich jeden Tag; während unseres Besuches war es unter anderem der Marantz Cinema 30. Und an diesem Arbeitstag wurden davon 36 Stück in dieser Produktionslinie sorgfältig zusammengebaut sowie am Ende verpackt und nebenan ins Versandlager für fertige Produkte gestellt. Wie umfangreich die Herstellung ist, erahnt man daran, dass dies nicht die einzige Produktionslinie ist. Wir durften etwa auch beim Zusammenbau des Denon PMA-1700NE das Team beobachten (Tagessatz: 41 Stück). Auch die Denon AH-D9200-Kopfhörer entstehen hier, wobei die komplette Produktion von einem Modell bei einer Person liegt.

Neben der Produktion beheimaten die Audio Works ebenfalls die Entwicklungsabteilung. Unverzichtbar für deren Arbeit sind Hörräume, in denen Prototypen und (fast) fertige Produkte ausprobiert werden. Der imposante Heimkino-Raum etwa mit acht (!) B&W 801-Boxen sowie Center und Subwoofer reicht für mehr als einen kleinen Vergleich. Sobald die Ingenieure hier in Shirakawa zufrieden sind, gibt es nur noch eine Hürde, die dafür umso signifikanter ist: der finale Check durch den jeweiligen Sound Master.

Was macht ein Sound Master bei Denon und Marantz?

Zeitlich knapp anderthalb Stunden mit dem berühmten Shinkansen-Zug und räumlich etwa 200 km entfernt, sind wir wieder mitten in der Mega-Metropole Tokyo, genauer gesagt in der 1,5-Millionen-Einwohner-Stadt Kawasaki. Hier liegt fußläufig vom Bahnhof ein eher unscheinbares Gebäude, dessen große Schriftzüge mit den Namen Denon und Marantz den eindeutigen Hinweis geben, dass hier die Zentrale der beiden Firmen ansässig ist.

Neben einer Präsentation von teils noch geheimen Neuheiten treffen wir hier die Sound Master von Denon und Marantz. Sie treffen die ultimative Entscheidung, ob der Klang eines Produktes so ist, wie er sein soll – und ob er zur spezifischen Klangsignatur der jeweiligen Marke gehört. Denn Denon und Marantz haben jeweils einen eigenen Sound Master, der seinem Team von Ingenieuren das Ziel für ein Gerät vorgibt, dementsprechend liefert dieses Team ihm ein Produkt.

An diesem Punkt sind die Entwickler in Shirakawa und die Messtechnik zufrieden. Doch über den Klang entscheiden der Sound Master und seine „goldenen Ohren“. Und er hat immer etwas zu beanstanden und fordert stets Nachjustierung – mal kleiner, mal großer Art. Dass ein Produkt auf Anhieb seinen Vorstellungen entspricht, sei noch nie vorgekommen, erzählt uns Shinichi Yamauchi, seit über zehn Jahren Sound Master von Denon. Der klanglichen Perfektion zuliebe kann die Entwicklung mal etwas länger dauern.

Wie klingt Marantz? Die Philosophie von Yoshinori Ogata

Für die Abstimmung gibt es jeweils einen eigenen optimierten Denon- und Marantz-Hörraum, in dem jede Komponente angeschlossen und gehört wird – als ultimative Referenz für den Klang der Marken. Referenz-Lautsprecher dafür sind erneut die legendären 801-Modelle von Bowers & Wilkins – dies übrigens schon lange bevor die Marke zur Mutterfirma Sound United kam. Daneben stehen auch andere Boxen bereit.

Trotz ähnlicher Ausstattung arbeiten die beiden Sound Master komplett getrennt: einerseits separat zu Ingenieuren und Entwicklern, anderseits auch getrennt voneinander. Denn beide Firmen legen explizit Wert auf ihre eigene klangliche Identität. Die Sound Master sind einerseits dazu da, sicherzustellen, dass ein Produkt dem Marken-Klang entspricht, und andererseits helfen sie dabei, ihn zu definieren.

Das führt Yoshinori Ogata, Sound Master von Marantz, aus: Ein „warmer Klang“, wie er der Marke oft zugeschrieben wird, sei dabei explizit nicht sein Ziel, sondern er definiere das Marantz-Optimum als „in pursuit of purity“, frei übersetzt „dem Streben nach [klanglicher] Unverfälschtheit“. Dies solle durch die drei Säulen Transparenz, Freiheit von Verfärbung und originalgetreue Wiedergabe erreicht werden. Unverzichtbar für die Praxis ist der Vergleich mit vorigen Produkten, die durch ihn und seine Sound-Master-Vorgänger abgestimmt wurden. Dies schließt auch Firmengründer Saul Marantz und dessen allererste Entwicklung mit ein, die Audio Consolette; von dieser stehen zwei hinter uns, während wir zwei aktuellen Marantz Model 10-Verstärkern im Bi-Amping lauschen.

Denon und Marantz: zwei Klangziele, eine Fabrik

Originalgetreue Wiedergabe ist natürlich auch für Denon wichtig. Doch Shinichi Yamauchi legt für die Marke zudem großen Fokus auf die Räumlichkeit des Klangs. Dies zielt ab auf eine weitläufige Darstellung, die sich zugleich in optimaler Balance mit optimalem „Imaging“, also der Abbildung, befinden soll.

Die Philosophie hinter dem Konzept fasst Yoshinori Ogata für uns treffend zusammen: Ein Sound Engineer kümmert sich um die Messungen, während ein Sound Master für die Emotionen zuständig ist. Diese Prämisse sowie die präzise Fertigung in Shirakawa teilen die beiden Marken. Gleichzeitig sorgen die Sound Master über ihre individuelle Abstimmung der Geräte dafür, dass sowohl Denon als auch Marantz ein unverwechselbares klangliches Ziel verfolgen.



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