Schallplatten digitalisieren und restaurieren – wie geht das?

Das Digitalisieren alter Schallplatten ist technisch kein Problem. Aber wie rettet man Platten klanglich, wenn alles knackt und knistert?

Platten und ein Tonband auf einem Tisch

Rund 128 Plattenspieler mit USB-Anschluss weist ein bekannter Elektronikmarkt in seinem Onlineshop aus, darunter keineswegs nur Billig-Produkte. Das Digitalisieren von Platten ist also ein Thema. Aber wie gelingt es? Denn auf die erste Euphorie folgt oft Ernüchterung: Da hat man sich extra für ein paar Hundert Euro einen solchen USB-Plattenspieler zugelegt, um Opas Vinyl-Sammlung zu retten. Und dann ist man nach den ersten Aufnahmen mehr als enttäuscht. Es ist genau das passiert, was bei alten Platten durchaus erwartbar ist, die womöglich auch nicht immer optimal aufbewahrt wurden. Es rauscht, knackt und knistert. Jetzt ist guter Rat teuer. Wie lassen sich solche womöglich sogar seltenen akustischen Schätze in Form von Platten trotzdem retten?

Platten retten: Reinigen gehört dazu

Der erste Schritt hin zu einer vernünftigen Aufnahme und damit zum Platten retten besteht darin, das Ausgangsmaterial in einen bestmöglichen Zustand zu versetzen. Bei alten Scheiben, die lange in ihrer Hülle im Schrank lagen, kann man durchaus über eine gründliche Reinigung nachdenken. Lauwarmes Wasser und Mikrofasertuch sind ein erster Schritt.

Das Wasser im Verhältnis 2:1 mit Isopropanol aus der Apotheke zu mischen der nächste. Ergänzen kann man bei diesem selbst gemachten Reiniger noch Netzmittel, das man im Fotofachhandel bekommt. Discofilm, ein Reinigungsgel, ist einfach zu handhaben und eine gründlich reinigende Fertiglösung. Und wenn man viele Platten zu reinigen hat, lohnt sich eine spezielle Plattenwaschmaschine.

Aufnehmen mit maximaler Qualität

Ist man mit den Vorbereitungen so weit fertig, geht es an die Aufnahme. Hier ist vor allem eins wichtig: die Qualitätseinstellungen so hoch wie möglich zu setzen, wobei entscheidend ist, kein komprimierendes Dateiformat wie MP3 zu verwenden, sondern zunächst eine Wav(e)-Datei zu erzeugen. Die wird ziemlich groß, aber das sollte in Zeiten von mehreren Terabyte speichernden Festplatten nun wirklich kein Problem sein. So hat man genug Substanz zum Platten retten.

Eine sehr gut geeignete Software für die Aufnahme und auch das weitere Bearbeiten ist das kostenlose Programm Auda­city. Es bietet zahlreiche Einstelloptionen, Effekte und Filter, um extrem komplexe Audioprojekte mit vielen Spuren zu realisieren, ist also eigentlich ein leistungsstarkes Tonstudio. Das lässt sich hier aber vernachlässigen, für das Digitalisieren von Schallplatten und anderen Medien sind nur wenige der Funktionen nötig.

Während der Aufnahme, die anderes als beim Rippen von CDs nur in Echtzeit erfolgen kann, lohnt es sich dabeizubleiben. Audacity ermöglicht das Monitoring über die Computerlautsprecher, sodass man hört, was gerade auf der Festplatte landet. Das kann man nutzen, um direkt zwischen den einzelnen Titeln Marker zu setzen, was später das Trennen der Songs erleichtert. Schließlich ist die Rille auf der Platte letztlich ein einziger durchlaufender Track mit kurzen Phasen ohne Abtastinformationen für den Tonkopf. Daher bekommt man zunächst pro Seite auch erst einmal eine Datei. Kommerzielle Tools können das Trennen auch teils automatisch erledigen, wobei man das bei oft nur fünf oder sechs Songs pro Seite auch händisch gut hinbekommt.

Platten retten: Knacken & Co. entfernen

Unter den Filtern findet sich bei Auda­city auch einer zum Entfernen des Hintergrundrauschens. Dazu erstellt die Software ein Rauschprofil, das dann auf den jeweiligen Track angewendet wird. Das kann man auch manuell beeinflussen, wofür aber ein gewisses Verständnis der akustischen Eigenschaften des Rauschens nötig ist. Vor allem bei geringem Rauschen funktioniert Audacity aber recht gut.

Ob man anschließend noch das oft typische Knacken und Knistern der Platte entfernen will, ist dann Geschmackssache. Für viele macht das gerade den Charme einer solchen Aufnahme aus. Dennoch: Kleine Klicker lassen sich ebenfalls mit Audacity beseitigen, aber hier stößt das Programm recht schnell an seine Grenzen.

Dabei beschränken sich die Korrekturmöglichkeiten keineswegs nur auf Rauschen, Knacken und Knistern. Auch Netzteilbrummen lässt sich entfernen, wobei man hier eigentlich schon im Vorfeld durch entsprechende Erdung dafür sorgen sollte, dass dies nicht auftritt.    

Weitere Software zum Platten retten

Wer also stark knisternde LPs besitzt oder wem die Einstellungen bei Audacity zu kompliziert sind, fährt mit einem Programm wie zum Beispiel Sound Forge ­Audio Cleaning Lab, angeboten von Magix, erheblich besser. Das kostet auch nur etwa 30 Euro und beinhaltet unter anderem auch Restaurations-Plug-ins von anderen renommierten Audiotools wie iZotope oder Steinberg. Hier kann man dann unter anderem einfach den Ausgangszustand der Platte auswählen und das Programm den Rest machen lassen. In der Praxis klappt das ziemlich gut und tatsächlich auch besser als bei Audacity. Auch deshalb, weil die Optimierungsfunktionen wie Declicker oder Decrackler hier teils deutlich verständlicher erklärt und auch einfacher zu bedienen sind.

Für den einen oder anderen mag in dem Kontext spannend sein, dass solche Restaurierungsprogramme, von denen es eine ganze Reihe in Preisklassen bis zu rund 1.000 Euro gibt, meist auch spezielle Funktionen besitzen, um Sprache zu restaurieren. Das kann zum Beispiel spannend sein, wenn man noch Platten mit Opern-Aufnahmen besitzt.

Andere alte Quellen restaurieren

Die Möglichkeit der Audiorestaurierung macht keineswegs vor Schallplatten halt. Aber die sind tatsächlich am einfachsten zu digitalisieren und aufzuarbeiten. Auch weil es eine Vielzahl an wertigen USB-Plattenspielern gibt. Bei Tapedecks oder gar Tonbandmaschinen sieht die Sache deutlich anders aus. Das hängt auch damit zusammen, dass das Ausgangsmaterial im Laufe der Jahre vor allem bei nicht optimaler Lagerung, also etwa über lange Zeit in einem leicht feuchten Keller, noch deutlich mehr leidet als Vinylplatten. Vor allem Tonbänder neigen dazu zu verkleben. Und das lässt sich mit Hausmitteln nicht korrigieren. Allerdings gibt es professionelle Dienste, die so etwas machen.

In dem Kontext ein Tipp, der übrigens auch bei Schallplatten funktioniert: Will man nur ein paar wenige Tonträger in die moderne, digitale Zeit hinüberretten und besitzt ohnehin hochwertige Widergabe-Hardware, muss man nicht zwingend zusätzlich USB-fähige Geräte kaufen. Man kann auch ein Notebook mit einer vernünftigen Soundkarte nutzen und den Mikrofon-/Line-Eingang mit dem Kopfhörerausgang der HiFi-Anlage verbinden. Durch die Monitoring-Funktion der Software lässt sich die Lautstärke gut einregeln, sodass dann die Aufnahme auf diese Weise erfolgen kann. Gerade bei hochwertigen Komponenten sollte das qualitativ keinen signifikanten Unterschied zu ­einem Mittelklasse-Plattenspieler mit inte­griertem A/D-Wandler machen. 



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