Welcher Musikstreaming-Dienst hat die beste Vergütung?
Mit Musikstreaming werden Milliarden umgesetzt – wovon bei den Musikschaffenden allerdings nur ganz wenige profitieren. Welche Möglichkeiten sich bieten, daran etwas zu ändern, lesen Sie hier.

Der Musikmarkt boomt. Im letzten Jahr lag der Branchenumsatz in Deutschland bei satten 2,38 Milliarden Euro. Markttreiber ist hierbei die digitale Musikwirtschaft. Das Musikstreaming erwirtschaftet den größten Anteil. Er lag 2024 bei knapp 80 Prozent. Platzhirsch Spotify nimmt inzwischen mehr Geld mit Streaming ein, als der Verkauf physischer Tonträger und Erlöse aus Konzerttickets zusammen an Einnahmen erzielen, war kürzlich in der „taz“ zu lesen. Auf die Streaming-Vergütung wirkt sich das jedoch für die meisten Beteiligten wenig aus.

Dabei sind das alles beileibe keine Kleckerbeträge. Mit der Veranstaltung von Konzerten werden laut Johannes Everke, Geschäftsführer des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft, jährlich rund 6 Milliarden Euro umgesetzt. Alles in allem ein ansehnlicher Kuchen, bei dem doch genug für die Musikerinnen und Musiker abfallen müsste, die am Anfang der sogenannten Wertschöpfungskette stehen.
Musikstreaming-Markt: Konzentration statt Wettbewerb
Doch leider sieht die Realität anders aus: Von dem vielen Geld, das mit Musik umgesetzt wird, verteilt sich an Tantiemen der größte Batzen unter einer überschaubaren Zahl von Musikschaffenden, vor allem den Superstars mit den Superhits. Laut einer Musikstreaming-Studie des Forschungsnetzwerks Digitale Kultur vom Februar dieses Jahres, die von der damaligen Kulturstaatsministerin gefördert wurde, entfallen 75 Prozent der Streaming-Umsätze auf nur 0,1 Prozent aller Künstlerinnen und Künstler.

Eine Befragung von Statista unter Menschen, die zwischen Ende 2023 und Ende 2024 Geld für Audioinhalte gezahlt haben, ergab, dass der Anteil von Spotify hierzulande bei rund 60 Prozent lag. Das schwedische Unternehmen ist auch weltweit gesehen ein krasser Monopolist. Erst mit merklichem Abstand folgen Apple Music, Amazon Music, YouTube Music und Deezer – in unten stehender Tabelle haben wir dies in einer Übersicht zusammengefasst.

Gut ist diese Konzentration auf dem Streamingmarkt sicher nicht, vor allem, da immer wieder der undurchsichtige Vergütungsschlüssel des Marktführers Spotify kritisiert wird. Es handelt sich um das sogenannte Pro-Rata-Modell, das kleinere Künstler benachteiligt: Hier werden die jeweiligen Abo-Gebühren anteilig an die am meisten gestreamten Künstler ausgeschüttet, nicht an die jeweils vom individuellen Nutzer gehörten Künstler.
Dabei zahlt Spotify nicht etwa direkt an die Künstlerinnen und Künstler, sondern an sogenannte Rechteinhaber, also Urheberrechts- oder Verwertungsgesellschaften, Musikvertriebe und Labels. Wie viel diese ihrerseits abgeben, hängt von individuellen Vertragsvereinbarungen ab. Es gibt hier keine Regulierung..
Forderung nach Transparenz bei den Anbietern
Gegen diese Praxis regt sich Widerstand von Seiten der Betroffenen. Christopher Annen ist nicht nur Musiker in der Kölner Band AnnenMayKantereit, sondern auch Vorsitzender von Pro Musik, einem Verband freier Musikschaffender mit Sitz in Essen: „Wir setzen uns schon seit Längerem für eine kritische Betrachtung des derzeitigen Pro-Rata-Vergütungsmodells ein. Es kann nicht sein, dass die Abo-Gebühren nicht an die Artists gehen, die ich gehört habe, sondern nur an die, die weltweit am meisten gehört werden“, kommentiert Annen.

Er fordert: „Transparenz ist die Grundlage für eine Diskussion auf Augenhöhe, und diese muss nun endlich hergestellt werden!“ Pro Musik propagiert Alternativvorschläge zu Spotifys Pro-Rata-Modell, wie Annen ausführt: „Unser bevorzugtes alternatives Vergütungsmodell ist ein nutzerzentriertes, User-Centric genannt. Hier werden meine Abo-Gebühren auf die Streams ausgeschüttet, die ich im jeweiligen Monat gehört habe. Das wäre zwar nicht das alleinige Allheilmittel für den deregulierten Streamingmarkt. Aber es könnte der Anfang einer Verbesserung sein.“
Wer nutzt das User-Centric-Modell?
Ein Anbieter auf dem Streamingmarkt, der das von Annen genannte nutzerzentrierte Abrechnungsmodell anwendet, ist die französische Plattform Deezer. Um die Arbeit von Musikschaffenden besser zu unterstützen, hat Deezer zudem nach eigenen Angaben „irrelevante Inhalte aus dem Katalog entfernt – zum Beispiel Regen, weißes Rauschen etc.“. Bei Spotify etwa schmälern solche Inhalte den Topf für alle, in deren Musik Zeit und Arbeit steckt.

Dazu kommt noch, dass es auf den Musikstreaming-Portalen inzwischen einiges an KI-generierter Musik gibt, die allen Künstlern und Künstlerinnen aus Fleisch und Blut potenzielle Fans und Streams abzieht. Ein Beispiel, das jüngst durch die Medien geisterte, ist die virtuelle Band The Velvet Sundown. Allein auf Spotify hat dieser Act rund 1,3 Millionen monatliche Hörer. Zum Vergleich: Ein Herbert Grönemeyer bringt es dort auf 2,6 Millionen monatliche Hörer. Das Perfide an der KI-Musik: „Es ist nicht markiert“, sondern „es wird einem in Playlists und Vorschlägen untergejubelt“, wie die Berliner Musikerin Marlène Colle in ihrem Instagram-Kanal „paulapaulamusik“ anprangert..
Vorstoß von Qobuz bei Offenlegung der Vergütung
Bei aller Transparenz, wie sie Pro Musik und Annen fordern, bedeutet das User-Centric-Modell aber nicht automatisch mehr Einnahmen. Um beim Beispiel Deezer zu bleiben: Hier liegt die durchschnittliche Pro-Stream-Vergütung öffentlich zugänglichen Quellen zufolge bei circa 0,006 Euro. Anbieter wie Tidal oder Qobuz schütten mehr aus.
Die französische Plattform Qobuz bekundete kürzlich, als „erste Streamingplattform weltweit die durchschnittliche Auszahlungsrate pro Stream“ offenzulegen, bestätigt durch ein unabhängiges Gutachten. In der Pressemitteilung dazu heißt es, man habe „den Labels und Verlagen im Finanzjahr 2024 Tantiemen ausgeschüttet, die einem durchschnittlichen Betrag von 0,018 Euro pro Stream entsprechen“.

Qobuz rechnet weiterhin vor, beim Umsatz pro Nutzer im Schnitt 117,60 Euro pro Jahr erzielt zu haben, während der Marktdurchschnitt bei 21,73 Euro liege. Die obenstehende Tabelle zeigt, dass auch Anbieter wie Apple eine bessere Pro-Stream-Vergütung haben als die beiden Streaming-Riesen Spotify und Amazon Music.
Diese Größen sind jedoch auch abhängig vom jeweiligen Land, da nicht weltweit gleiche Tarife gelten. Und unterm Strich macht Spotify die höhere Vergütung, die Mitbewerber zahlen, in absoluten Beträgen durch seine schiere Marktdominanz wett. Damit etwa Qobuz’ fairere Ausschüttung ins Gewicht fiele, müsste sich der Proporz schon wesentlich ändern.
Was hilft Musikern? Öfter mal ein Band-Shirt kaufen!
Es kommen also viele Dinge zusammen, die Musikschaffenden, die von ihrer Musik leben wollen, das Leben schwer machen. Wer seinen Streaminganbieter wechselt, kann für ein paar mehr Euros im Portemonnaie der oder des Einzelnen sorgen. Aber der KI-Musik entgeht man dadurch nicht. Und ein weiterer Punkt kommt dazu, wie die Musikerin Stella Sommer von der Band Die Heiterkeit bemerkt: „Dadurch, dass man Musik überall umsonst hören kann, kaufen die Leute viel weniger CDs und Platten, an denen man mehr Geld verdient als an den Streams.“

Laut Sommer kommen durch eine CD, die im Falle ihres aktuellen Albums 17 Euro kostet, nach allen Abzügen etwa 6 Euro pro CD bei ihr an: „Beim Konzert ist hierbei die Gewinnmarge am größten, weil da keine Prozente abgehen“, erläutert Sommer: „Überall sonst verdiene ich nicht so viel damit.“
Durch Vinyl mehr Einnahmen als durch CDs
Für ein Vinyl-Album, das etwas teurer im Verkaufspreis ist, bleibt dementsprechend auch etwas mehr hängen: „Um die 10 Euro, wenn man sie auf einem Konzert kauft“, so Sommer.

Radio Airplay sorgt für Tantiemen durch GEMA-Gebühren. Dies habe sich etwa beim letzten Album von Die Heiterkeit bemerkbar gemacht, sagt Sommer. Genau beziffern kann man dies jedoch schwerlich, wie sie erklärt, da es wegen eines komplizierten Berechnungsschlüssels „schwer einschätzbar und nachvollziehbar ist, wie viel man durch Radio tatsächlich verdient“.

Die wohl beste pekuniäre Unterstützung für Künstler wie Sommer ist der Kauf von Merchandising-Artikeln, weil dies die größte Gewinnmarge beinhaltet: „T-Shirts kann man selbst herstellen lassen. Das heißt, man hat nur die Produktionskosten. Wenn jemand auf einem Konzert ein T-Shirt kauft, bleibt wirklich am meisten hängen, mehr als bei den Platten oder CDs“, rechnet Sommer vor.
Besser fünfmal in kleine Konzerte als einmal ins Stadion-Konzert
Dass man dazu das Konzert selbst besuchen sollte, hilft den Künstlern doppelt. Denn im besten Falle bekommen sie dann, wie Sommer angibt, zwischen 50 und 60 Prozent des Ticket-Grundpreises. Oft gehen davon aber, je nach Größe der Band, zwischen 5 und 20 Prozent an beteiligte Booking-Agenturen. Wirklich gut Geld verdienen lässt sich erst ab bestimmten, hohen Konzertbesucherzahlen.
Und auch hier gibt es, um nochmals Johannes Everke zu zitieren, ein Ungleichgewicht: „Auf der einen Seite verkaufen nationale und internationale Stars in Windeseile ihre Tourneen aus – zu Preisen, die wir vorher noch nicht gesehen haben. Auf der anderen Seite fehlt das Publikum in Clubs und bei kleinen Festivals; dort, wo der Nachwuchs seine wichtigste Bühne findet. Das macht uns Sorgen.“
Fazit: Statt einmal ins Stadionkonzert lieber fünfmal in den Club zu kleineren Bands. Und nicht nach Hause gehen, ohne am Merch-Stand vorbeizuschauen, um eine LP oder CD und ein Shirt zu kaufen.
Die Musikerin Vinter über Positives und Negatives beim Streaming
Die Künstlerin Vinter hat ihr neues Album „Romance Is Dead“ sowohl digital als auch physisch veröffentlicht. Im Streaming sieht sie Positives wie Negatives, wie Sie im Interview erklärt.
Ist es heute von der Kostenseite her nicht einfacher, Songs alle nur zum Streamen anzubieten, anstatt ein Album als physischen Tonträger zu veröffentlichen?
Produktionskosten hat man ja auch, wenn man Singles nur fürs Streaming produziert. Ich finde, die Frage, die man sich da stellen muss, ist: Was für eine Art von Zielgruppe habe ich?
Dass es gerade am Anfang der Karriere nicht unbedingt finanziell Sinn ergibt, Alben physisch zu veröffentlichen, ist klar. Aber ich glaube, längerfristig baut man eine stärkere Verbindung zu seiner Fan-Base auf, wenn man Alben und Produkte hat, die dieser Zielgruppe gefallen, als wenn man lediglich mit Singles auf Streamingplattformen vertreten ist.
Wie positionieren Sie sich als Musikerin und Songwriterin generell zum Thema Musikstreaming?
Streaming ist ein sehr, sehr schwieriges Thema, es ist Freude und Leid gleichzeitig. Einerseits kann man über Streaming Leute erreichen, die man niemals erreichen würde, wenn man Alben nur auf CD und Schallplatten veröffentlicht. Bis jemand heute eine CD oder eine Schallplatte kauft, muss einiges passieren. Hier hat man durch Streaming die Möglichkeit, Leuten zu sagen: „Hör doch mal rein!“

Oder auch – durch die Algorithmen, durch Vorschläge und was es alles auf diesen Streamingplattformen gibt – Leute zu erreichen, die irgendwo am ganz anderen Ende der Welt leben und denen das dann womöglich gefällt. Das ist natürlich etwas Tolles, was das Streaming ermöglicht. Auf der anderen Seite glaube ich auch, ohne da jetzt zu dramatisch zu werden, dass Spotify auf jeden Fall auch die Macht hat, die Musikszene zu zerstören
Spotify zahlt als Marktführer die schlechteste Vergütung. Wie viel an Einnahmen haben Sie denn dadurch??
Ich glaube, bei meinem ersten Album beläuft es sich auf 500.000 Streams für das gesamte Album, also alle Songs zusammen. Und Spotify zahlt einfach noch mal schlechter als die anderen Plattformen, ich meine, pro Stream sind es ungefähr 0,3 Cent. Am Ende habe ich als Künstlerin vielleicht um die 300 Euro damit verdient. Das ist auch sehr abhängig davon, was für einen Deal man mit dem Vertrieb hat, ob man ein Label hat etc.

Das heißt, was bei einem ankommt, ist in der Regel dann nach allen Abzügen nur noch etwa die Hälfte von dem, was insgesamt reinkommt. Anders gesagt: Wenn man 100 CDs verkauft, ist das schon viel mehr, was dabei rumkommt.
Was kann man als Fan sonst noch tun, um die Lieblingsband zu unterstützen?
Auch wenn man damit vielleicht nicht so viel verdient wie mit einem Album, es ist trotzdem unfassbar wichtig, Tour-Tickets zu verkaufen, weil sonst gar keine Konzerte stattfinden können und man dann seine Tour absagen muss. Ich hoffe, dass da in den nächsten paar Jahren etwas passiert, dass alle merken: Wir müssen aufpassen, dass vor allem die kleinere Musikszene in Deutschland nicht stirbt, dass da mehr subventioniert wird, auch die kleinen Locations.
Wenn man als Fan bereit ist, irgendetwas zu kaufen, dann – wenn schon keine CD oder Platte – vielleicht ein T-Shirt. Denn damit macht man sogar noch Werbung für den Artist
