Immersiver Klang – Wie entsteht ein Dolby-Atmos-Mix?
Vor allem Apple Music, Tidal und Amazon Music machen immersives Audio immer populärer. Dominierendes Format ist Dolby Atmos. Wie spezifische Musik dafür entsteht, klärt ein Besuch bei Dolby in Berlin.

So wie die Entwicklung von der Mono- zur Stereo-Wiedergabe einen entscheidenden Wendepunkt bedeutete, schickt sich aktuell immersiver Klang an, die Art und Weise, wie wir Musik erleben, umzukrempeln. Hierbei bewegen sich Klänge durch den Raum, beziehungsweise kommt der Klang von allen Seiten: von links, rechts, vorn, hinten und oben und unten. Platt gesagt: Mehrkanalton statt das altbekannte Stereo, also Zweikanalton.

Klar, dass es beim Filmschauen eine realistische Hörerfahrung ist, wenn das Raumschiff etwa von links nach rechts durchs Bild schwebt und der Sound entsprechend an einem vorüberzieht, anstatt dass man nur frontal beschallt wird.
Von Dolby Stereo zu Dolby Atmos
Kaum verwunderlich, dass Dolby Atmos ursprünglich als Surround-Sound-Technik für Kinos seinen Anfang nahm. Nur hieß es früher noch nicht so, sondern als Kinotonformat Dolby Stereo – und später, ab 1982, Dolby Surround als abgespeckte Version fürs heimische Wohnzimmer mit dem obligatorischen TV-Gerät. Dies sind sozusagen die analogen Ahnen des Raumklangs. Im Jahr 2012 wurde dann Dolby Atmos eingeführt. Seitdem findet es als 3D-Audio-Format vor allem Anwendung in Heimkinos. Die Digital-Technologie erlaubt es, Ton in allen drei Raum-Dimensionen zu produzieren und wiederzugeben.

Nach und nach erobert Dolby Atmos auch den Bereich des Musikhörens. Dafür kann man etwa seinen AV-Receiver und das Heimkino-Set-up, ein hiermit ausgestattetes Auto oder einen Kopfhörer nutzen. Die Musik muss dabei speziell für Dolby Atmos gemischt werden, damit sich ein entsprechendes immersives Hörerlebnis einstellt.
Was genau ist Dolby Atmos?
Die Grundlage von Dolby Atmos ist eine Klangbasis aus klassischem, kanalbasiertem Surround-Sound. Auf diesem werden dann in einer dritten Ebene digitale Klangobjekte frei platziert. Dies braucht zusätzlich zum Surround-Set-up noch Beschallung von oben, wahlweise durch Deckenlautsprecher oder Upfiring-Speaker, die gegen die Decke schallen und diese als Klangreflektor nutzen. Bei Dolby Atmos sind bis zu 34 Lautsprecher möglich.
So lässt sich dann – im Heimkino-Kontext – ein quietschender Autoreifen exakt in Bodennähe verorten, eine Möwe kreischt dagegen gefühlt hoch am Himmel. Und die Pistolenkugel zischt auf Kopfhöhe links am Zuschauer vorbei. Bei Musik gibt es spezielle Dolby-Atmos-Mixe, die das gewohnte, meist frontale Stereo-Klangbild in einen räumlichen Klang aufweiten. Man spricht hier auch von immersivem oder 3D-Audio, das bevorzugt binaural per Kopfhörer gehört wird.
Dolby Atmos kommt bei Kinoproduktionen, aber auch bei Apple Music und Amazon Music zum Einsatz; es hat sich derzeit als Quasi-Standard etabliert, wenn es um moderne 3D-Klangwelten geht. Bei Apple Music etwa findet man Dolby-Atmos-Mixe unter der Rubrik „3D-Audio“. Hier wie auch bei Amazon Music erkennt man Songs oder Alben, die das Format unterstützen, am „Dolby Atmos“-Logo.

Auch Netflix oder Amazon Prime nutzen Dolby Atmos, was zusätzlich dazu beiträgt, dass sich das Format weiter etabliert, auch wenn es verlustbehaftet komprimiert. Doch das ist in den meisten Fällen nicht hörbar.
Das Dolby Studio in Berlin
Wie das Mixing für Dolby Atmos genau vonstatten geht und was dabei passiert, das kann David Ziegler sehr genau erklären. Das ist schließlich sein Job als Content und Partner Relations Manager bei Dolby: „Die Musik, die in Dolby Atmos gemischt wird, ist nicht unser Content. Die Labels geben das in Auftrag, und hierfür gibt es dann Studios, die das machen. Mittlerweile sind es weltweit ungefähr 1.000 Studios, in Deutschland ungefähr 50 bis 60“, führt Ziegler aus. „Und mein Job ist es, mit diesen Studios zu arbeiten, sie einzuweisen, Workshops zu geben und ihr Ansprechpartner in Sachen Dolby zu sein.“

Ziegler ist gelernter Toningenieur. Sein Arbeitsort bei der Dolby-Niederlassung in Berlin liegt im südwestlichen Stadtteil Steglitz. Hier hat das US-Unternehmen in einer ehemaligen Nähmaschinenfabrik, einem Backstein-Gebäude mit schmuckem Altbau-Charme, sein Quartier in der deutschen Hauptstadt bezogen.
Dort, hinter einer dicken Stahltür und durch Schallisolierung von den übrigen Räumen abgeschirmt, sitzt Ziegler an Tastatur und Monitor in seinem kleinen Studio und produziert dreidimensionale Musik-Klänge. Um adäquat hören zu können, was er abmischt, sind Lautsprecher in einem 7.1.4-Surround-Set-up positioniert. Mehr zur genauen Bedeutung dieser Zahlenfolge weiter unten.
Dolby-Atmos-Technologie und -Content
„Man muss es, um das Ganze besser zu verstehen, am Anfang einmal trennen“, sagt Ziegler: „Man hat bei Dolby Atmos zum einen die Technologie, und dann hat man zum anderen den Content, der diese Technologie nutzt.“ Der Content, von dem er spricht, ist in diesem Falle die aufgenommene Musik.

„Beim klassischen Produzieren von Ton, sowohl im Film als auch in der Musik, gibt es im Wesentlichen zwei Stadien“, führt Ziegler aus: „Einmal das Stadium der Aufnahme, bei der man den Musikern das Mikrofon hinstellt, und dann ein Stadium, wo dann die verschiedenen aufgenommenen Signale zusammen gemischt werden und entschieden wird, was wie laut zu hören sein soll. Das ist schon seit den 1960er- oder seit den 1970er-Jahren so, auch bei Stereo. Und Dolby Atmos entsteht in erster Linie bei der Mischung.“
Wie mischt man für Dolby Atmos?
Wie dies vonstattengeht, zeigt Ziegler an einem konkreten Beispiel, das er auf seinem Rechner im Programm Pro Tools öffnet, einer professionellen Software zur Musikproduktion, auch Digital Audio Workstation (kurz DAW) genannt. „Man hat einige Ton-Spuren, ich habe jetzt mal die vom Synthesizer geöffnet“, so Ziegler. „Das sind die gleichen Spuren, die ich hätte, wenn ich diesen Song in Stereo produzieren würde.“
„Es gibt natürlich die Möglichkeit, mehrere Mikrofone beim Aufnehmen zu benutzen. So eine Mehrkanal-Mikrofonierung wird zum Beispiel gern bei akustischer Musik gemacht, bei Klassik oder Jazz. Da spielt das Orchester, und ich stelle einfach mal 20, 30 Mikrofone in den Raum. In dem Fall entsteht der räumliche Klang quasi schon während der Aufnahme“, erläutert Ziegler.
Der 3D-Panner von Dolby Atmos
Dolby Atmos erfordert jedoch nicht zwingend diese beschriebene Mehrkanal-Aufnahmetechnik, bei der man Mikrofone etwa hinter dem Schlagzeug platzieren müsste, damit der Klang in der Wiedergabe auch von hinten kommt. Dafür gibt es in Pro Tools für Dolby-Atmos-Mixe einen sogenannten 3D-Panner (s. Screenshot 1).
Beim klassischen Mischen werden nicht nur die Lautstärkeverhältnisse etwa von Stimme zu Instrumenten sowie die der verschiedenen Instrumente zueinander festgelegt, sondern auch, wo diese im Stereo-Panorama zu hören sein sollen: mittig, über das ganze Panorama oder eher von der linken oder rechten Seite.

Und bei Dolby Atmos hat man zusätzlich die Möglichkeit festzulegen, von wo im dreidimensionalen Raum das kommen soll. Ebendieser Raum ist als Kubus im 3D-Panner dargestellt, wie in Screenshot 1 oben im Bild zu sehen ist.
„In dem Fall ist das eine Stereospur“, erklärt Ziegler: „Der hier aufgenommene Synthesizer hatte zwei Ausgänge, links und rechts. Und ich habe für links und rechts jeweils einen Panner.“ Daher sind zwei Kuben nebeneinander im Screenshot zu sehen. Der gelbe Punkt beim Mauszeiger-Symbol stellt das betreffende Tonsignal dar, hier den Synthesizer. „Und hier kann ich mit der Maus nun einfach reinklicken und festlegen, wo im Raum ich das haben möchte“, veranschaulicht Ziegler die Vorgehensweise.
Der Dolby-Atmos-Renderer
Der Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt. Dabei kann man sich natürlich verlieren ob der vielen Möglichkeiten, die sich bieten. Daher sollte laut Ziegler oberstes Entscheidungskriterium sein, was der Musik nützt. „In einem Stück steht vielleicht vorn ein Sänger mit der Gitarre, der will eine Geschichte erzählen. Hier würde ich Atmos nur so einsetzen, dass im Chorus alles ein bisschen weiter und größer wirkt“, gibt er ein Beispiel.
Wurden nun alle Tonspuren mit mehr oder weniger Einsatz des 3D-Effekts bearbeitet, muss das Ganze abschließend in ein abspielbares Audioformat gebracht werden. Dafür werden die ganzen Einzelspuren zusammen als Atmos-Master-Mix in einen Sound-Container gepackt, in dem das jeweilige Musikstück aus der DAW exportiert wird. „Das wesentliche Werkzeug, um das dann anzuhören, ist der Dolby Atmos Renderer“, erläutert Ziegler diese Dolby Atmos zugrundeliegende, essenzielle Software-Technologie.

„Das bedeutet, wenn ich eine Soundquelle an irgendeiner Stelle im Raum platziert habe, an der gar kein Lautsprecher ist, um dies wiederzugeben, sucht sich dieser Renderer die nächsten möglichen Lautsprecher und gibt es darüber wieder. Auf diese Weise kann ich meinen Mix über eine fast beliebige Lautsprecherkonfiguration abspielen.“
Um dies zu veranschaulichen, öffnet Ziegler auf seinem Rechner den Peter-Gabriel-Song „Road To Joy“ (siehe Screenshot 2) im Renderer: Die Konfiguration von Punkten, die in der unteren Bildmitte des Screenshots zu sehen ist, ist sein 7.1.4-Set-up im Studio. Im rechts danebenstehenden Kubus sind die einzelnen Klangereignisse, aus denen der Song besteht, als kleine Punkte dargestellt, die sich um den im Sweet Spot platzierten Kopf im Raum bewegen, falls dies im Mix so festgelegt wurde. Ebendieser Renderer ist gemeint, wenn davon die Rede ist, dass ein Gerät, wie etwa ein AV-Receiver oder eine Soundbar, Dolby Atmos unterstützt.
Gehört wird Dolby Atmos meist mit Kopfhörer
Die Information eines solchen Mixes kann nicht auf eine gewöhnliche CD gebannt werden, geschweige denn eine Schallplatte. Dafür braucht es das Blu-ray-Format. Daneben bieten auch führende Streaming-Plattformen wie Amazon Music, Apple Music oder Tidal Musikwiedergabe in Dolby Atmos an. Einige Alben, bei denen der immersive Mix besonders gut zur Geltung kommt, haben wir untenstehend als Hörempfehlungen aufgelistet – von elektronischer Musik wie Max Coopers „Unspoken Words“ bis zum Re-Issue von Pink Floyds „Dark Side Of The Moon“.

Neben neuen Alben im immersiven Mix werden auch Klassiker in Dolby-Atmos-Version neu aufgelegt. Hier einige Empfehlungen.
Schließlich und endlich kann man Dolby-Atmos-Mixe auch über Kopfhörer genießen: „Derselbe Mix, den wir für die Lautsprecher herstellen, wird auch für Kopfhörer benutzt. Und den rendern wir auf eine binaurale Version“, so Ziegler. Das Beste an dieser Art des Hörens ist: Sie funktioniert mit jedem Kopfhörer.
Dies ist auch die bevorzugte Weise, wie Dolby Atmos gehört wird. „Der Kopfhörer macht Dolby Atmos dem Massenmarkt zugänglich“, resümmiert Ziegler abschließend: „Zumindest zum gegenwärtigen Zeitpunkt.“
Hans-Martin Buff über den „In-Side-Mix“ von Peter Gabriels „I/O“
Toningenieur Hans-Martin Buff bekam einen Grammy für den 3D-Audio-Mix des aktuellen Albums „I/O“ von Peter Gabriel. Hier erklärt er, wie viel Arbeit darin steckt..
Glückwunsch zum Grammy! Peter Gabriels Album „I/O“ hat gleich drei verschiedene Mixe, neben Ihrem ausgezeichneten In-Side-Mix noch zwei Stereo-Versionen namens Bright- und Dark Mix. Wie kam das?
Es war von Anfang geplant, dass es eine Stereo- und eine immersive Version geben soll. Was ich bei Peter Gabriel wirklich toll finde, ist, dass er bewusst sagt: ,Es geht um den Schaffensprozess, nicht so sehr darum, was am Ende dabei herauskommt.‘ Wenn sich zwischendurch etwas ergibt, dann wird das gemacht.
Die Idee mit den zwei Stereo-Mixen kam erst auf, kurz bevor der erste Song veröffentlicht wurde. Doch dass man für Stereo und für Atmos mischt, ist mittlerweile fast ein Muss. Dabei haben meine beiden Kollegen und ich bei „I/O“ völlig unabhängig voneinander gearbeitet, während wir alle das gleiche Material bekommen haben. Und wenn man sich die drei Mixe anhört, nimmt man wahr, dass es drei völlig verschiedene Herangehensweisen waren.
Welche Möglichkeiten eröffnet ein Atmos-Mix Ihnen als Toningenieur?
Es ist mir ein Bedürfnis, es kreativ richtig zu machen. Die Idee ist, dass man die Musik nicht nur über zwei Lautsprecher wiedergibt, die dann jeweils auf einer Seite des Raums stehen, sondern dass man den ganzen Raum damit füllt. Das bietet ungeahnte Möglichkeiten, wobei es auch sehr viel Arbeit bedeutet, eine kohärente musikalische Geschichte daraus zu machen, sodass es eben nicht künstlich klingt. Dazu kommt: Wenn die Musik an sich nicht immersiv ist, was soll dann ein Atmos-Mix?

Der Song „Road To Joy“ von „I/O“ ist ein gutes Beispiel: Er beinhaltet wirklich einen Dschungel an Sounds. Es ist toll, wenn man etwas hinzufügen kann, das es in der Stereo-Variante gar nicht gibt. Da Peter Gabriel, wie gesagt, ein großer Abenteurer ist und zu mir meinte: ,Du kannst machen, was du willst‘, habe ich zusätzliche Spuren aufgenommen, wenn das kreativ nötig schien: Gitarren, Perkussion, was auch immer dem jeweiligen Song half. Das alles wurde durchgewunken – und es hat super funktioniert.
Dass es sehr viel Arbeit bedeutet, wie Sie gerade erwähnten, heißt auch, dass ein Dolby-Atmos-Mix viel mehr Zeit in Anspruch nimmt als ein „herrkömmlicher“ Mix?
Ja, bei „I/O“ hat der ganze Mix für die zwölf Songs so knapp drei Monate gedauert. Das Minimale waren vier Tage für einen Song. Und für „Road To Joy“ gingen bestimmt zehn Tage drauf. Also, es war viel Arbeit, aber, ganz ehrlich, das ist auch mein Ding: Ich mache Sound, bis er fertig ist. Und jetzt habe ich dafür immerhin zu Hause einen Grammy…
Was empfehlen Sie als beste Methode, um Ihren immersiven In-Side-Mix adäquat anzuhören?
Ideal wäre, wenn man ein 7.1.4.-Surround-Set-up hätte: drei Lautsprecher vorn, zwei an der Seite, zwei hinten, einen Subwoofer sowie vier Decken-Lautsprecher. Wenn das nicht zur Verfügung steht, ist es aber auch schon sehr beeindruckend, wenn man es streamt und mit Kopfhörern anhört.
