Musik-Rezensionen: die besten Alben aus Pop, Jazz, Klassik

Ghosts JazzSonstigesPiano-Trio

Ghosts

Michael Wollny Trio

Geister brauchen keinen Passierschein. Ohne Umwege erreichen ihre Botschaften Menschen, die dafür empfänglich sind. Der für visionäre musikalische Eingebungen offene Pianist Michael Wollny interpretiert in seinem „Ghosts“-Album Erinnerungen an Songs, die sporadisch wie Geister in ihm auftauchen und die er improvisatorisch mit neuem Leben erfüllt. Im kongenialen Austausch mit seinem bewährten Trio überführt er Kompositionen aus Klassik, Folk, Pop-Avantgarde, Soundtracks und eigene Stücke in seine mit mysteriösen Tönen angereicherte Klangwelt. Der „Erlkönig“ gehört zu den bekanntesten Balladen aus der Feder von Johann Wolfgang Goethe und wurde von dem Wiener Komponisten Franz Schubert vertont. Michael Wollnys Arrangement des Kunstlieds verleiht dem dramatischen Geschehen eine weitere Dimension. Sie erreicht in heftigen Interaktionen des Pianisten mit dem Bassisten und dem Drummer gegen Ende des Stücks einen Höhepunkt. Diese Wucht wird in der romantischen Auslegung des sich daran anschließenden Duke-Ellington-Themas „In A Sentimental Mood“ aufgelöst. Wie Wollnys Trio die Melodie von „She Moved Through The Fair“ variiert, fügt sich großartig zu diesem irischen Folksong. Die Versionen von Nick Caves „Hand Of God“ und David Sylvians „Ghosts“ offenbaren ein empathisches Einfühlungsvermögen. In seinem „Hauntology“ überträgt Wollny den Begriff, der sich in der populären Musik auf geisterhaft eingesetzte Sounds aus diversen Genres bezieht, auf die Aktionen seines Trios. Das Ritual der motivischen Wiederholung wird hier hypnotisch ausgereizt, wobei wie fast in jedem Stück das Sound-Design des Drummers die Form vollendet. Exzellent.

Musik: | Sound:

Act

22.09.2022 | Rezensent: Filtgen, Gerd

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