Ian Bostridge | Tormento d’amore

Ian Bostridge reist ins barocke Italien, von Venedig nach Neapel und wieder zurück. Zeitfenster: rund ein Jahrhundert. Nun ist Bostridge bekanntermaßen ein Tenor, und man könnte fragen: Welche Rolle spielte zur Hochzeit der Kastraten im damaligen Italien der Tenor?

Die vorliegende Aufnahme gibt (mitsamt des Beihefts) Antworten. In 16 Etappen (davon fünf rein instrumental) entwickeln Bostridge und die Cappella Neapolitana mit Antonio Florio ein Programm mit Werken von Cesti, Legrenzi, Cavalli, Fago, Vivaldi und anderen, darunter zwei Ersteinspielungen mit Musik von Stradella und Caresana.

Es sind weitgehend keine Virtuosennummern, die Tempi meist langsam, der Charakter oft lyrisch oder melancholisch. Bostridge findet sich in den vielen feinen Linien, die zu den Hauptherausforderungen zählen, gut zurecht. Seiner bevorzugten Art der Artikulation, Worte bis an die Grenze zur Überbetonung zu formen, bleibt er auch hier treu, bindet diesen Ansatz aber ein in eine ansonsten eher dezente Gestaltung. Plötzliche Ausbrüche ins Forte sind selten. Überhaupt sucht man den überbordenden Esprit, den man von anderen Alben mit ähnlichem thematischem Schwerpunkt her kennt, hier vergebens. Das hat etwas Wohltuendes. Die Zahl von Bostridges betont nasalen Lauten hält sich in Grenzen. Was auffällt, ist eine wechselhafte Form des Vibrato, mal deutlich und eher schnell schwingend, mal fast ganz zurückgenommen.

Die Aufnahme verharrt überwiegend in den unterschiedlichen Zonen des Leisen. Dazu trägt auch die Cappella Neapolitana bei, die mit Bostridge tadellos harmoniert, auch natürlich, weil die schlanke Stimme des Sängers und die kleine Besetzung einander gut ergänzen.

Christoph Vratz

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Ian Bostridge Tormento d’amore

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Tormento d’amore. Werke von Cavalli, Stradella, Vivaldi u. a.; Ian Bostridge, Cappella Neapolitana, Antonio Florio (2020); Erato/Warner

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