Als der Jazz tanzen lernte, war Sidney Bechet, der vier Jahre älter als Armstrong war, bereits zur Stelle. Sein kraftvoller Sound strahlte hell wie der große Nachtstern aus Klarinette und Sopransaxofon. Sein komplexer Charakter stand ihm oft im Wege, und erst ab den 1940er-Jahren kam seine Karriere richtig in Gang. Dass er als einer der Erfinder des Jazz nicht den Ruhm Satchmos erntete, konnte er nie verkraften. Seine Grandeur zu entdecken, ist für jeden Jazzhörer – egal welchen Alters – überaus lohnend, empfehlenswert die Biografie von John Chilton und Bechets Memoiren „Treat It Gentle“. Aber die Version von „Summertime“ auf CD 1 dieser fantastischen Edition seiner Auftritte in der Schweiz 1949-1958 sagt so viel auch ohne Worte.

1919 kam Bechet erstmals nach Europa und blieb dem alten Kontinent stets eng verbunden; später wählte er Frankreich zu seiner Wahlheimat, „weil es näher an Afrika lag“. Genf, Victoria Hall, 14.05.49:  Im achtminütigen „Tin Roof Blues“ blies er ein Gänsehaut-Solo, es wirkte wie die Erlösung in dunklen Zeiten, und das Publikum dankte es ihm mit tosendem Jubel. Ein paar Tage vorher war Bechet die Hauptattraktion beim Jazz Festival in Paris; endlich war es gelungen, sein Einreiseverbot nach Frankreich nach der fast einjährigen Haftstrafe von 1929 aufzuheben.

Fabrice Zammarchi und Roland Hippenmeyer sind die Verfasser dieser erstaunlichen Edition. Viele seltene Fotos und unzählige Zeitdokumente enthält das 200 Seiten starke Buch im Schuber zur 4-CD-Box. Auf Französisch erzählt der Kreole Bechet von der Zeit, als der Jazz geboren wurde. Wie ein Popstar gefeiert, zeigen diese Konzertmitschnitte auch, dass er den Idealen seines Jazz stets treu blieb.

Karl Lippegaus

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