Vermächtnis

1989 richtete das Jazzfestival Montreal dem Überbassisten Charlie Haden eine achttägige Hommage aus. Don Cherry, Egberto Gismonti, Geri Allen oder das Liberation Orchestra spielten dort mit ihrem alten Weggefährten Haden. Die Mitschnitte gingen als Montreal Tapes in die Jazzgeschichte ein. Jetzt kommt ein Nachschlag, denn ein Jahr später stand Charlie Haden dort noch einmal mit einem seiner Heroen auf der Bühne, dem Stargitarristen Jim Hall. Und wieder ist aus dem Live-Mitschnitt eine bemerkenswerte CD entstanden.

Vor allem deshalb, weil Haden und Hall zwar derselben Generation angehören (Hall war nur sieben Jahre älter), aber im Grunde eine diametral entgegengesetzte musikalische Biographie besitzen. Hall blieb stets dem warmen Halbresonanzton verpflichtet, etablierte in den 1960er-Jahren die Gitarre als virtuoses Soloinstrument, spielte mit Jimmy Giuffre, Bill Evans, Ben Webster, Sonny Rollins, Oscar Peterson und begleitete die große Ella Fitzgerald. Haden dagegen etablierte an der Seite von Ornette Coleman hauptverantwortlich den Free Jazz, der Halls harmonische und melodische Stoßrichtung vollkommen auf den Kopf stellte.

Nichts davon ist freilich an diesem Abend zu spüren. Hall und Haden swingen sich Funken sprühend durch Standards wie „Bemsha Swing“, „Body and Soul“ oder „Skylark“, streuen sogar Colemans „Turnaround“ und eigene Stücke ein. Aber wenn Haden zu seinen Soloausflügen abhebt, verlässt er die vorgegebene Bahn, wandert sofort ins abstrahierend Modale ab. Und ist ganz bei sich selbst. Die Aufnahme, die nun spät genug beim wiedererstandenen Label Impulse erscheint, ist durch den kürzlichen Tod Hadens (Hall war bereits im letzten Jahr verstorben) zu einem posthum erklingenden Vermächtnis geworden.

Tilman Urbach

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