Sabine Liebner

Bis an die Grenze

Sie ist eine Spezialistin für Neue Klaviermusik und hat vieles von Cage über Stockhausen bis Ustvolskaya eingespielt. Immer wieder öffnet Sabine Liebner neue Sichtweisen und leistet  Pionier­arbeit.

Von Tilman Urbach

Man sollte gesehen haben, wie Sabine Liebner am Flügel sitzt: hoch aufgerichtet, schon vor dem ersten Ton ganz Konzentration, gespannte Stille, Erwartung auf das, was da kommen soll. Und dann stellt die Pianistin die ersten Töne in den Raum der „Schwere Reiter“-Spielstätte im Münchner Kreativquartier, einer ehemaligen Montagehalle. Es sind Töne mal im Diskant, mal im Bass, wie aus allen Himmelsrichtungen, immer schroffe Bekundungen, Ortsbestimmungen. Langsam schieben sich Töne übereinander, fügen sich zu einem Firmament, in dem immer wieder einzelne Sterne aufscheinen: John Cages „Etudes Australes“. Ein radikaler Klavierzyklus, geschrieben Mitte der 1970er-Jahre. Schwer bis unmöglich zu spielen, ganz ohne Rhythmen, ohne Taktstriche, ohne Vortragsbezeichnungen – einzig die Tonhöhen sind präzise vermerkt.

Cage hatte sich beim Komponieren der Etüden an Sternkarten orientiert, die den australischen Himmel abbilden. Hatte unter Zuhilfenahme des chinesischen Orakels I Ching immer wieder einzelne Sternpositionen markiert, sie in die Partitur übertragen. „In den 32 Etuden“, erklärt Sabine Liebner, „bedeutet das, dass jede Hand die ganze Tastatur bespielt und die Hände sich nicht helfen dürfen“. Im Grunde eine aberwitzige Situation für einen Pianisten, der hier quasi eine völlig abstrakte Struktur zum Klingen bringen soll. Die Distanzen der Sterne untereinander hat Cage übernommen. Auf dem Notenpapier geben sie nun die Abstände zwischen den Tönen an.

„Die Musik soll also so klingen, wie sie aussieht. Das muss man sich erarbeiten. Ich habe mit dem Lineal Linien gezogen, welche Klänge von welchen kommen, in welchen Händen. Und dann ist es natürlich viel Arbeit, die ganzen Sprünge übereinander von den Händen zu lernen.“ Noch dazu verordnete sich Sabine Liebner die Aufgabe, komplizierte Stellen nicht langsamer und einfache nicht schneller spielen zu wollen. Und: „Ich wollte versuchen, das Klangbild möglichst differenziert zu gestalten. Der Sternenhimmel ist ja auch ganz unterschiedlich. Es gibt Planeten, die sieht man stark und welche, die sieht man weniger. Manche haben weißes Licht, manche gelbes Licht.“


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe August 2021

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