Glenn Gould

Zeugen einer legendären Aufnahme

Die Einspielung von Bachs „Goldberg-Variationen“ aus dem Jahr 1981 mit Glenn Gould hat Musikgeschichte geschrieben. Nun liegt erstmals sämtliches Material der damaligen Aufnahmesitzungen vor. Es lässt den Entstehungsprozess dieser Produktion bis in Details hinein nachvollziehen.

Von Christoph Vratz

Wir sind bereits im letzten Drittel von Bachs monumentalem Zyklus, bei Variation Nummer 28. In der Mittellage schnurren trillerähnliche Figuren, während drumherum einzelne Töne getupft werden. Sie bilden das Gerüst dieses Abschnitts. Was leicht scheint, ist eine pianistische Herkulesaufnahme, denn alles darf nicht zu trocken und mechanisch klingen, außerdem braucht es einen zusammenhängenden dramaturgischen Bogen.

Am Ende dieser Variation biegt Glenn Gould in die nächste ein, da erfolgt die Stimme aus dem Studioraum. Bruno Monsaingeon, der die Video-Produktion betreut, spricht von „lovely“ und „great fun“, doch Gould knurrt. Es sei extrem schwierig, auf diesem Instrument zu spielen, einem Yamaha-Flügel, „because this kind of thing is just not something that you can make clear in a machine-gun-like way as you can on the 218“. Gemeint ist der Konzertflügel von Steinway, der nach Goulds Auffassung größere Präzision und Klarheit ermöglicht.

Es ist der 13. Mai 1981, ein Mittwoch. Wieder sind Crew und Künstler in dem berühmten „30th Street Studio“ von Columbia Records in New York zusammengekommen. Begonnen hatten die Aufnahmesitzungen bereits am 22. April. Drei Wochen sollen sie insgesamt dauern. Ein separater Nachklapp erfolgt später, am 29. Mai. Jetzt, mehr als 40 Jahre später, können wir nun haarklein akustisch nachverfolgen, was in diesem Studio geschehen ist, denn das Material hat sich erhalten, zugänglich gemacht von Produzent Robert Russ, mit dem wir sprachen.

Wie sind Sie an das Material gekommen?
Die Existenz dieser Bänder ist kein neuer Fund. Schon vor 20 Jahren konnte eine „neue“ Aufnahme dieser „Goldberg-Variationen“ von 1981 erscheinen, bei der die analogen Bänder remastered worden waren. Man hat, wie damals üblich, an mehreren Bandmaschinen gleichzeitig aufgenommen. Mit den Bändern der ersten Maschine wurde nachher gearbeitet, also der Schnitt erstellt; die Bänder der zweiten Maschine dienten vor allem als ­Backup und blieben daher unangetastet und weisen keine Bearbeitungsspuren auf. Allerdings mussten wir zunächst einmal sicherstellen, ob nicht doch einzelne Segmente rausgeschnitten und womöglich an anderer Stelle gelagert worden sind.

Wo lagert das gesamte Material?
In einer alten Kalksteinmine unweit von Pittsburgh. Dort gibt es ein riesiges Archiv, da lagern Filmko­pien der großen Hollywood-Produktionen, das FBI bewahrt dort Dokumente auf, die Regierung wichtige Unterlagen – das ist dort alles archiviert, tief unter der Erde, gleichmäßig temperiert durch einen unterirdischen See. Labyrinthartig stehen die Regale zwischen schroffen Felsen – ziemlich futuristisch das Ganze. Die Archivare vor Ort finden anhand von Barcodes in kurzer Zeit das gewünschte Material und überspielen es, dank moderner Digitaltechniken, innerhalb kurzer Zeit, wohin man will. So kamen die Gould-Aufnahmen in mein Büro.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Oktober 2022

Album-Edition

Glenn Gould - The Goldberg Variations

Glenn Gould - Bach: Goldberg-Variationen – The Complete Unreleased Studio Sessions 1981; Sony (Hardcover-Buch mit 11 CDs) V. Ö.: 30.9.


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