Beatrice Rana

„Welch zarte Finger!“

Nun also ein Album mit Musik von Frédéric Chopin. Die italienische Pianistin Beatrice Rana wägt die einzelnen Schritte ihrer noch jungen Laufbahn genau ab. Der Erfolg gibt ihr Recht. Zielstrebigkeit und Umsicht sind dabei verlässliche Begleiter.

Von Christoph Vratz

Angenommen, Frédéric Chopin hätte Sie zu sich nach Paris eingeladen. Was hätten Sie dort erfahren und erlebt?
Er war ja selbst noch jung, als er nach Paris kam! Ich erinnere mich, dass ich mir in Paris die Place Vendôme angesehen habe, wo er gelebt hat, zusammen mit George Sand. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass er das Pariser Leben sehr geschätzt hat, aber ich habe auch eine sehr scheue Person vor mir gesehen. Aus seinen Aufzeichnungen und Briefen habe ich das Bild eines wehmütigen Menschen gewonnen, der stark unter dem Verlust seiner polnischen Heimat gelitten hat. Dabei hat er die Unausweichlichkeit seiner Emigration und die Unmöglichkeit einer Rückkehr haargenau erkannt.

Wie übertragen Sie dieses Gefühl von Heimatverlust, das in seiner Musik ja fest verankert ist, aufs Klavier?
Zunächst einmal gibt es auch bei Chopin verschiedene Lebensphasen. Seine Emotionen sind nicht immer dieselben. Da ist auf der einen Seite das Dramatische, das Dunkle, worin sich sein Verlustgefühl dokumentiert, der innere Kampf, die Wut über die politischen Umstände. Dafür sind die Etüden op. 25 ein passendes Beispiel. Allein die letzten drei Etüden bilden eine Art Triptychon-Drama. Auf der anderen Seite gibt es die nostalgische Seite, die Seite der wehmütigen, intimen Erinnerungen, denen man intensiv in seinen Mazurkas begegnet. Sie kommen mir wie ein persönliches Tagebuch vor.

Chopin komponiert immer sehr kompakt: in wenigen Takten eine ganze Welt. Wie kann daraus eine eigene Erzählung am Instrument entstehen?
Je weiter wir in Chopins Lebenswerk voranschreiten, desto organischer wird seine Sprache. Ja, er kann sehr dicht schreiben. Daher kann man zum Beispiel die vier Balladen nur schwer mit den Scherzi vergleichen. Die Balladen besitzen eine größere narrative Komponente, dafür sind die Scherzi in ihren Extremen stärker zugespitzt. Das ist für Pianisten nicht einfach darzustellen, zumal wir ja wie unsere eigenen Dirigenten sind. Man muss diesen Werken eine Struktur geben, denn die Proportionen sind in den Scherzi nicht automatisch an einzelne Takte gebunden. Die Emotio­nen dieser Musik sind extrem dicht, sie halten sich nicht an Taktgrenzen, aber wir als Pianisten müssen dennoch zu einer Art von Erzählung finden. Chopin ist eben nicht nur der Poet, der Erfinder schöner ­Melodien, die so wunderbar als Unterhaltung dienen…

Chopins eigene Art Klavier zu spielen, ist ja relativ gut überliefert.
Ich habe einmal den Gipsabdruck seiner Hand gesehen. Ich war erschrocken. Welch zarte Finger! Wenn ich dagegen meine dicke Hand sehe … (lacht). Zwei Aspekte sind bei Chopin besonders wichtig. Zunächst: Sein Klavierspiel hat immer wie frisch improvisiert geklungen, er war ständig auf der Suche nach Entdeckungen. Das Zweite ist seine Vorliebe für den italienischen „bel canto“. Für uns Pianisten von heute führt überhaupt kein Weg daran vorbei, seine Musik als eine organische Sprache zu vermitteln.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe November 2021

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