Edita Gruberová

Die „Letzte Assoluta

Zum Tod der großen Sängerin Edita Gruberová

Von Kai Luehrs-Kaiser

Sie war die wohl einzige kultisch verehrte Sängerin der Gegenwart. Ein Pilgerziel. Ja, rundheraus: ein Fetisch der Szene. Der Magnetismus ihrer Auftritte sorgte, noch als sie um die 70 war, für ein regelrechtes „Ausrasten’“ des Publikums, egal wo sie Szenen aus Donizettis „Anna Bolena“ oder Adeles Couplet „Spiel ich die Unschuld vom Lande“ live zum Besten gab. Wer einen überdrehten Aspekt darin erkennen will – und die Sängerin leicht „campy“ fand –, liegt damit richtig und falsch zugleich.

Tatsächlich hatte diese „Königin des Belcanto“ Werke zu ihrem Repertoirezentrum erkoren, die aufgrund reißerischer Storys und schwacher Orchesterbegleitung oft nicht für voll genommen werden. Ikonisch wurde dabei die Inszenierung von Donizettis „Roberto Devereux“ an der Wiener Staatsoper. Hier riss sich Edita Gruberová am Schluss der Aufführung jedes Mal ihre Perücke vom Kopf, auf dass eine gezauste Kunstglatze der gealterten Königin Elisabeth I. drastisch zum Vorschein kam. Wenn Gruberová dann auch noch zum Schlussapplaus die Arme schützend über ihr fast kahles Haupt hielt, als schäme sie sich, in diesem Zustand vor ihr Publikum zu treten, dann war die Kunstfigur, die sie war, mit der Wirklichkeit völlig verschmolzen. Das Haus tobte.

Es war alles nur möglich, weil diese Künstlerin tatsächlich jene schwindel­erregende Koloraturvirtuosin war und blieb, als die sie berühmt geworden ist. Ihre schwebenden Fiorituren, unfasslichen Schwelltöne und sengenden Laserstrahlen konnten mit den Größten der Gesangsgeschichte mithalten – egal ob man nun Luisa Tetrazzini, Frieda Hempel oder Joan Sutherland darunter verstehen will. Ihre künstlerische Basis blieb Mozart. Darin war sie inkarnierte alte Schule. Lupenrein.

Als das am 23. Dezember 1946 in Bratislava geborene Einzelkind mit Mitte 20 nach Wien kam, um vorzusingen, überwog das Befremden. „Wie singt denn die?!“, lautete der mäkelige Kommentar des alten Karl Böhm. Er sollte sie später zu seinen drei Lieblingssängerinnen zählen. Sie habe die merkwürdige Reaktion bis zuletzt nicht recht verstanden, so die gekränkte Gruberová noch Jahrzehnte später. Es hinderte sie nicht, 1970 als Königin der Nacht ihr legendäres Wiener Staatsopern-Debüt zu geben (und mit der Rolle in Salzburg von Karajan bis Levine und Harnoncourt abzuräumen wie keine sonst). Ihrer zweiten signature role, Zerbinetta in „Ariadne auf Naxos“, blieb sie in Wien noch länger treu. In alljährlichen Rückkehren sang sie die Partie sagenhafte 100 Mal. Zuletzt 2009. Da war sie über 60.

Zu den Wundern dieser Sopranistin gehörte es, dass sie mit den Jahren, als sie sich zum Belcanto hin emanzipierte, eigentlich immer besser wurde. Die nasal spitzige Stimme, bei der man die spitze Nase zu hören glaubte, hatte an Dramatik zugelegt. Allerdings ohne auch nur ein Gramm schwerer zu werden. Auch ein Tremolo zeigte sich nicht. Gruberová hatte immer auf makellose Technik geschworen. Freilich konnte es ihr nicht entgehen, dass etwa in Bellinis „Beatrice di Tenda“ (2002 in Zürich) die Intona­tion bei Spitzentönen meist eine Spur zu tief lag. Sie unternahm es daher noch in einem Alter, wo andere ans Aufhören denken, ihre Gesangstechnik völlig umzukrempeln. Eine Münchner Logopädin hatte ihr den Weg gewiesen. Das bescherte ihr viele weitere Karrierejahre. Seither „drückte“ Gruberová, wie sie erklärte, das Zwerchfell (die sogenannte „Stütze“) nicht mehr nach oben. „Sondern nach unten.“ Das mache alles leichter, so Gruberová. „Vor allem im Piano.“


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Dezember 2021

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