(Spät-)romantizistisch

Steffen Schleiermacher und Andreas Seidel sind nicht nur Kollegen beim Ensemble Avantgarde. Als Duo hatten sie sich bereits John Cage verschrieben, jetzt haben sie die wenigen Stücke für Violine und Klavier eines ästhetisch diametral entgegengesetzten Komponisten aufgenommen: Wolfgang Rihm. Dass Rihms seismografische Expressivität auch in Stücken, die zeitlich ganz nah beieinander liegen, völlig unterschiedliche Formen annehmen kann, ist hier besonders interessant zu beobachten. »Antlitz« (1992/93) erweist sich als fragiles Zu ­sam ­menspiel flüchtiger Striche und Lineaturen. Genauso konzentriert aufs Wesentliche kommt die »Nachstudie« für Klavier (1992/94) daher, eine Klang-Meditation mit langen Resonanzen und widerborstigen Attacken, von Schleiermacher sehr markant ausmodelliert. Einen ganz anderen Rihm präsentiert (schon damals!) »Phan ­tom und Eskapade« (1993/94): virtuos, verspielt, (spät-)romantizistisch. Das für Anne-Sophie Mutter geschriebene Stück geizt nicht mit elegischen Kantilenen und mutet wie eine zersplitterte Kammerversion der »Gesungenen Zeit« an. Die Ersteinspielung von »Konzert in einem Satz« (2005) mit Tanja Tetzlaff ist ein weiterer bemerkenswerter Vertreter aus der Flut der Rihm-Einspielungen, die zum 60. Geburtstag des Komponisten zu erwarten sein dürfte: Musik wie aus einem anderen Jahrhundert. Oder besser gesagt: ein süffiges Cellokonzert, das manchmal klingt wie eine Hommage an Bergs Violinkonzert. Grandios gespielter Eklektizismus ...

Dirk Wieschollek

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