Sie sind hier: Service / Artikel / Report: Deutsches Musikarchiv
18.09.2014

Report: Musikarchiv rettet Daten

In einem großen Raum lagern Hunderttausende CDs in Rollregalen.

Fürs ewige Gedächtnis

Das Deutsche Musikarchiv hat den Auftrag, Tonträger für die Ewigkeit zu bewahren. Dabei kämpft es mit Hightech gegen die Vergänglichkeit – insbesondere gegen die unserer CDs

Von Matthias Böde

Die Aufgabe scheint unlösbar: die gut 500000 CDs des Leipziger Musikarchivs zu rippen, zu katalogisieren und nachfolgenden Generationen zugänglich zu machen. Nicht einer, zwei oder zehn. Nein, möglichst für die aller Zeiten. So lautet der Auftrag an die Anstalt.

Jeder, der in Deutschland Tonträger in den Markt bringt, ist verpflichtet, ihr jeweils zwei Exemplare zu überstellen. So trudeln täglich rund 100 CDs bei den Sachsen ein, die dazu noch selbst recherchieren, um ja keine Neuerscheinung zu versäumen. Alles wird gesammelt: Schallplatten, Cassetten, Tonbänder, sogar alte Wachsrollen, aber auch Noten. Hauptsächlich natürlich CDs, die nach ihrer Erfassung in den Rollregalen eines riesigen, auf 18 Grad Temperatur und 20 Prozent Luftfeuchtigkeit gehaltenen Raumes lagern.

Die Qualitätstests aller Medien, durchgeführt im Abstand von 15 Jahren, belegen den Verfall vieler Tonträger.

CDs machen schlapp

Ist die Archivierung nicht schon aufwändig genug, haben die Leipziger vor einigen Jahren in aufwändigen Reihenuntersuchungen erkennen müssen, dass CDs altern und sich allmählich Datenverluste einstellen. Dies selbst unter den genannten Idealbedingungen bei der Aufbewahrung. Der schleichende Verfall ist eine Katastrophe, bedeutet er längerfristig doch den Verlust großer Teile des musikalischen Erbes – wenn man nichts tut.

Dem Zahn der Zeit unter allen Umständen zu trotzen, ist das Ziel des Informationstechnikers Joachim Hack. Er entwickelte im Team Routinen, um einerseits den grundsätzlichen Zustand einer CD zu bestimmen, wie auch „ihre Information vom Träger zu trennen“, also die Digitaldaten auszulesen und aufzubereiten.

Dies ist notwendig, seit man dem allmählichen „Verstummen“ der vermeintlich für die Ewigkeit konzipierten CDs auf die Spur kam. In einem auch von der CD-Industrie anerkannten Verfahren hatten die Leipziger 1993/’94 einhundert damals neue CDs vermessen und ihre Fehler dokumentiert.

Unter exakt denselben Vorzeichen sowie mit den gleichen Geräten wurden dieselben Tonträger rund 15 Jahre später erneut gecheckt, wobei signifikante Verschlechterungen auftraten (siehe Grafiken). Von zuerst 18 mit „good“ beurteilten Scheiben blieben nur sechs in dieser Kategorie. Dafür hatten sich die „defekten“ Exemplare von einem auf beängstigende 29 vermehrt.

Nach den Testreihen stand fest: Es muss etwas geschehen, sonst kann unsere heutige, vor allem auf CD veröffentlichte Musik in 100, 200 oder 500 Jahren nicht mehr abgespielt und angehört werden.

In einem weitgehend automatisierten Prozess prüft eine spezialisierte Software jede CD auf Fehler. Diese werden von den in einer schrankhohen, „Jukebox“ genannten Apparatur arbeitenden Plextor-Laufwerken mehrfach ausgelesen, bis alle Datenlücken gefüllt sind. Ist dies nicht möglich, kann ein zweites Exemplar der CD aus dem Frankfurter Magazin der Deutschen Nationalbibliothek angefordert werden.

Archivierung als Krimi

Gleichzeitig erfolgt die Überspielung der gehorteten CDs in Form verlustfreier WAV-Files auf die ebenfalls in Frankfurt stehenden Serveranlagen, zu denen eine Standleitung existiert, die nach Hacks Wünschen „gerne noch schneller sein dürfte“. Dort werden die Files „ausgepackt“ und ins Bereitstellungssystem kopiert, das sie mit dem Katalog abgleicht. Danach ist die Musik sofort abrufbar.

Bis zu 500 CDs auf einmal behandelt die Jukebox, wobei einer ihrer Drives nur für eventuellen CD-Text zuständig ist. Auffälligkeiten werden dokumentiert und im Nachhinein einzeln begutachtet, wobei trotz der Computer geschultes Personal unabdingbar ist.

Rund 800 CDs sind das tägliche Pensum – einlesen, „veredeln“, also mit Katalogdaten versehen, ‘rüberschicken. Fällt eine Maschine aus oder muss eine Software neu eingespielt werden, gibt’s Verzögerungen.

Doch der CD-Berg, vor dem Hack steht, ist ohnehin gewaltig: Ende Mai wurden gerade Discs aus Mitte 1992 verarbeitet. Man hinkt der Jetztzeit also locker 20 Jahre hinterher. Die Aufholjagd läuft, doch sie wird noch bis 2017 anhalten.

Sofern alles glatt läuft. Davon ist nicht auszugehen. So sind etwa die in der Jukebox verwendeten Plextor-Laufwerke nicht mehr erhältlich, und die jetzt verwendeten erfüllen nicht die Anforderungen. Da kann die angeblich öde Archivierung schnell zum Krimi werden.

Erst recht, wenn CDs auftauchen, die nicht dem „Red Book Standard“ entsprechen. Zuweilen wird aus Gründen des Kopierschutzes etwa das Inhaltsverzeichnis, der TOC (table of content), manipuliert. Dann streiken die PC-Laufwerke, und Joachim Hack steht vor einer weiteren unlösbaren Aufgabe. Da bereiten ihm LPs weitaus weniger Probleme. Korrekt gelagert halten diese tatsächlich „ewig“. Doch auch beim Vinyl heißt es für Hack langfristig: Fertigmachen zum Digitalisieren!

CD-Schäden im Detail

Wenn CDs schlechter werden, sieht man dies nicht unbedingt. Dennoch gibt es eine Reihe offenischtlicher Schadensbilder, unter denen der auffällige helle Belag (3), der an Eisblumen auf einer gefrorenen Scheibe erinnert, wohl der häufigste ist. Wahrscheinlich geht die zähe Schicht auf Ausdünstungen der Verpackung zurück. Sie tritt oft bei Scheiben auf, die in bedruckten Papphüllen stecken, und kann meist in etwas Seifenlauge entfernt werden, wobei die Disc natürlich mit anderen Stoffen in Kontakt kommt, die ihr schaden können.

Wer seine CDs gegen das Licht hält, erblickt nicht selten einen „Sternenhimmel“, der durch Löcher in der Reflexionsschicht entsteht. Eine Lagerung in heißen, feuchten Regionen kann den Silberling sogar zum Opfer gefräßiger Pilze machen (2). So berichtete uns ein Leser aus Haiti, dass er schon viele CDs – insbesonders solche vom Philips-Label – an die Kleinstlebewesen verloren habe.

Ohne aktuelle Bedeutung ist das Phänomen des „Bronzings“ (1), das sich in einer bronzeartig-bräunlichen Verfärbung zeigt. Es kann bei Discs auftreten, die zwischen ‘88 und ‘93 das Presswerk im britischen Blackburn verließen. Man hatte in der Reflexionsschicht Silber statt Aluminium verwendet.

Dieser Artikel wurde in STEREO 09/2012 veröffentlicht. Die Ausgabe können Sie über unsere Verlagsseite nachbestellen.

www.nitschke-verlag.de

Interview

Informationstechniker Joachim Hack an seinem Arbeitsplatz, rechts die „Jukebox“

„Umwelteinflüsse gering halten!“

STEREO: Der Titel eines Vortrages von Ihnen lautete: „Sind unsere CDs noch zu retten?“ Und, sind sie es?
Hack: Für die langen Zeiträume, die wir im Blick haben, gewiss nicht. Ernste Schäden zeigen sich schon nach 15 Jahren.
STEREO: Wir haben CDs von Mitte der 80er, die klaglos spielen.
Hack: Das heißt nichts, denn die Fehlerkorrektur der Player gleicht die Verluste sehr lange aus. Man bemerkt die Ausfälle erst, wenn plötzlich Aussetzer oder Verzerrungen auftreten.
STEREO: Gilt das für alle CDs, oder gibt es Unterschiede?
Hack: Grundsätzlich ist die Qualität mit den Jahren besser geworden. Gleichzeitig wird aber an Material gespart. Früher waren die Discs dicker. Ansonsten mögen auch bestimmte Presswerke stärker von Qualitätsmängeln betroffen sein als andere.
STEREO: Was kann man selber tun, um möglichst lebenslang Freude an seinen CDs zu haben?
Hack: Entscheidender als alles andere ist die korrekte Lagerung. Sonnenlicht, Temperaturschwankungen und hohe Feuchtigkeit sind Gift. Aber auch Regale aus formaldehydhaltigem Pressholz. Wer seine Discs jahrelang deren Ausdünstungen ausgesetzt hat, muss mit Schäden rechnen.
STEREO: Und im Betrieb selbst?
Hack: Was ich selbst über Jahre falsch gemacht habe: die CD aus der Hülle zu nehmen und auf die bedruckte Seite zu legen. Gerade diese ist die empfindlichere. Dort befindet sich die Reflexionsschicht.
STEREO: Die von Ihnen untersuchten CDs wurden optimal gelagert. Ist sonst mit noch größeren Fehlern zu rechnen?
Hack: Vom wissenschaftlichen Standpunkt aus kann ich das nicht beurteilen, weil wir es nicht geprüft haben. Ich würde jedoch davon ausgehen.

Früher war das auch von den CD-Herstellern verwendete und allgemein anerkannte DaTARIUS CS-4 Testsystem Grundlage der Qualitätsbeurteilung.