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18.09.2014

Story: SHM-CDs

Das Material macht’s

Japans Plattenfirmen tüfteln immer wieder neue Tricks zur Optimierung des CD-Klangs aus, sei es im Studio oder im Presswerk. So werden die „SHM“-CDs aus einem Material hergestellt, das die Abtastung und damit den Klang verbessern soll. Wir haben SHM-CDs mit normal gepressten verglichen

von Ulrich Wienforth
 

Kann das Basismaterial der CD, also der transparente Kunststoff, den Klang beeinflussen? Japanische CD-Experten sagen „ja“, und sie haben ein neues Material entwickelt, das die Abtastung präziser machen soll – und damit den Klang naturgetreuer. Besser gesagt: Sie haben dieses Material eher durch Zufall entdeckt. JVC und Universal Music Japan waren nämlich eigentlich auf der Suche nach einem besonders transparenten Kunststoff für LCD-Bildschirme, und dabei stießen sie auf ein speziell präpariertes Polycarbonat. Nun ist Transparenz ja auch beim CD-Auslesen wichtig – weshalb die beiden Firmen ihre Entdeckung gleich mal in der CD-Produktion ausprobierten.

Es stellte sich heraus, dass die neue Werkstoff-Variante noch zwei andere Vorteile mitbrachte: ein besseres Fließverhalten während des Pressvorgangs, wodurch sich das flüssige Material feiner um die Ausbuchtungen des Stampers schmiegt und sich präzisere Grübchen (Pits) bilden. Außerdem ein besseres Brechungsverhalten, was bei der Abtastung zu weniger Jitter führt.

Umfangreicher Katalog

Prompt wurde das neue Material für die Serienfertigung optimiert und die so hergestellten CDs unter dem Kürzel „SHM-CD“ („Super High Material“) vermarktet. Mittlerweile gibt es schon einen beachtlichen Katalog mit SHM-Alben (Details unter www. cdjapan.co.jp), darunter pikanterweise die meisten nicht aus dem Hause Universal, sondern vom Konkurrenten Warner Music (Label Atlantic etc.). In Europa sind die Scheiben nicht offiziell im Vertrieb, aber auf Import spezialisierte Händler wie der Versender JPC haben etliche von ihnen sogar auf Lager. Wir haben uns deshalb aus dem JPC-Angebot (www.jpc.de) mal fünf Alben ausgesucht und sie jeweils in der Normal- und in der SHM-Version bestellt. Die SHM-Scheiben sind meist erheblich teurer: Die Preise liegen bei JPC zwischen 23 und 32 Euro, während die entsprechenden Normalpressungen zwischen sieben und maximal 19 Euro kosten. Bei der Auswahl haben wir darauf geachtet, dass beide Veröffentlichungen neueren Datums und digital remastert waren, damit wir nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Es handelte sich um folgende Titel:

  • Fairport Convention: Rising for the Moon
  • Led Zeppelin: Houses of The Holy
  • Crosby, Stills, Nash & Young: Déjà vu
  • Steely Dan: Pretzel Logic
  • Miles Davis: Tutu

Als Erstes wurden die Scheiben physisch vermessen: Die SHM-CDs sind rund zehn Prozent dicker als die Standard-Discs, und sie wiegen geringfügig mehr. Um sicherzu- gehen, dass es sich wirklich um Bit-identische Master handelt, haben wir alle fünf Alben mit dem PC-Programm „Exact Audio Copy“ extrahiert – im „Sicheren Modus“ mit nur 1,5fachem Tempo. Dabei wird unter anderem der Spitzenpegel jedes Tracks ermittelt. Und siehe da: Nur zwei der fünf Titel lieferten in beiden Versionen identische Spitzenpegel. Die anderen drei stammen jedenfalls nicht vom identischen Glasmaster.

Schließlich haben wir noch die extrahierten WAV-Dateien mit Exact Audio Copy verglichen, und danach blieb nur noch ein Pärchen als garantiert Bit-identisch übrig: das Fairport-Convention-Album. Die anderen sind womöglich nur im Pegel normalisiert, aber vielleicht auch anderweitig bearbeitet.

In oberen Lagen entspannter

Wie also hören sich Fairport Convention auf SHM-CD an? Auf der Laufwerk/Wandler-Kombi TL1N/DA1N von C.E.C. klingt die SHM-Version tatsächlich in den oberen Lagen entspannter, weniger glasig, beschwingter, gelöster und dreidimensionaler. Die Normal-CD wirkt dagegen wie eingeschnürt: kompakter und belegter. Diese Unterschiede sind deutlich reproduzierbar, und sie bestätigen sich sogar bei den anderen Alben, die wir als nicht garantiert bitgenau identifiziert hatten. So kommen bei Crosby, Stills, Nash & Young per SHM-CD die Stimmen gelöster, angenehmer. Der Bass klingt druckvoller – von der Normal-CD ist er eher pappig und fade.  Die Original-CD von Led Zeppelin klingt in den Mitten vergleichsweise gepresst, während die SHM-CD deutlich homogener und entspannter tönt und ein ausgeprägteres Tiefenrelief bietet. Mehr Luft um die Stimme, mehr Frische fallen bei der SHM-Version von Steely Dan auf – aber hier wurden womöglich die oberen Lagen etwas angehoben. Deutlich lauter als die Normal-CD ist die SHM-Scheibe von Miles Davis aufgenommen – was einen seriösen Vergleich letztlich unmöglich macht.
Würde sich dieses Ergebnis auf günstigeren Playern bestätigen? Wir haben dazu alle fünf CD-Pärchen noch einmal  auf dem Ayon CD-2 (um 3800 Euro) und auf dem 900-Euro-Player CD-S 1000 von Yamaha gehört: Die Ergebnisse bleiben in allen Fällen stabil!

Sicherlich lohnt sich die Mehrausgabe für SHM-CDs nicht bei allen Alben, aber eine Handvoll Lieblingsscheiben möchte man vielleicht auf diese Weise noch mal aufwerten. Zu fragen bleibt, warum ein offensichtlich überlegenes CD-Herstellungsverfahren es nicht über die japanischen Grenzen schafft. Die Antwort ist klar: In Europa und Amerika hat die Industrie stets den Mainstream im Auge – Motto: Das merkt doch eh keiner. Asiatische Hersteller fühlen sich dagegen der Perfektion verpflichtet. Wenn etwas besser geht, dann muss man es auch besser machen, Mainstream hin oder her.

SHM-CDs bei JPC.de

Über das Angebot an SHM-CDs sprachen wir mit Andreas Schulze vom Versender JPC:

STEREO: Wie viele SHM-Titel hat JPC ungefähr im Sortiment? Und wie viele sind ab Lager lieferbar?

Andreas Schulze: Wir haben zurzeit 1021  SHM-CDs gelistet. Ab Lager sind davon 95 Titel lieferbar. Die meisten Titel ordern wir nur auf Kundenbestellung.

Welche Musik wird überwiegend als SHM-CD angeboten? Pop, Jazz, Klassik? Eher Klassiker oder Neuproduktionen?

Von den 1021 Titeln sind 806 im Pop und 215 im Jazz gelistet – fast nur Klassiker. In der Klassik haben wir nur zehn Titel gelistet. Klassik-Käufer bevorzugen meist die SACD, wenn sie denn erhältlich ist.

Wie groß ist die Nachfrage nach SHM-CDs?

Relativ gering. Bevorzugt wird dieses Format ganz offensichtlich von Sammlern mit hochwertigen Audioanlagen.

Wie kommt der höhere Preis für SHM-CDs zustande?

Im Wesentlichen durch die Importkosten, also Transportkosten und Zölle. Aber auch die Herstellungskosten sind etwas höher.

Bit-identisch: „Rising For The Moon“ von Fairport Convention als Standard- und als SHM-CD
Am Cover sind die SHM-CDs nicht immer eindeutig zu erkennen, aber am Aufdruck im Innenring
Deutlich unterschiedliche Pegel bei den beiden Versionen von Miles Davis’ Tutu (u.)