Tom Frantzen
Keramik ist ein ganz hervorragend geeignetes Material für Teller und Lager eines Plattenspielers. Denn es zeichnet sich durch sehr gute Isolatoreigenschaften sowie ein gutmütiges Resonanzverhalten aus, ist dazu hochpräzise zu fertigen und sowohl plastisch als auch flächig extrem glatt nachzubehandeln.
Die Krux an Keramik ist allerdings ihre Bruchgefahr. Man kennt das von Keramikmessern, die unglaublich scharfe Küchenhelfer sind und bleiben, es sei denn, sie fallen auf Fliesenboden hinunter. 1984 fühlte sich der japanische Keramikspezialist Kyocera berufen, der Welt ein aufsehenerregendes und womöglich eines der führenden Laufwerke zu „schenken“. Mit „fettem“ Motor, kräftiger Achse, X-förmigem Subchassis mit resonanzoptimiertem Gehäuse, Riemenantrieb, 2,4 Kilogramm schwerem 18-Zentimeter-Metallinnen- und dem flächig damit kontaktierenden 3,6-Kilogramm-Keramik-Außenteller. Für Keramiklager und Achse galten 0,5 µ Toleranz!
Auf dem mit rund 100 Stück äußerst seltenen Laufwerk, das vom Analogspezialisten Micro Seiki gebaut wurde, sitzt, um das analoge Herz vollends zum Überschäumen zu bringen, ein Dynavector DV-505. Wir haben es hier also gleich mit zwei vereinten Klassikern zu tun, denn dieser Tonarm ist eine echte Legende und weiter verbreitet als sein Gastgeber von Kyocera in tragender Rolle. Und obendrein harmoniert er optisch!
Verwandtschaften
Das Topmodell PL-901 zog noch mindestens ein direktes Derivat nach, nämlich den PL-910. Dieser kostete etwa die Hälfte, wiegt sieben Kilogramm weniger, wobei rund ein Kilogramm auf den leichteren Aluminium-Innenteller entfallen. Die Drehzahl ist beim 901 um +/- sechs Prozent regelbar, die Verwechslungsgefahr ist aufgrund der ähnlichen Bezeichnung und Optik recht hoch. Um das Ganze noch komplexer zu gestalten, gab es einen zeitgleichen, aber nie in Serie gegangenen Prototypen von Luxman (X-5P). Und auch der ebenso von Micro produzierte Nakamichi TX-1000 weist zumindest eine entfernte Verwandtschaft auf. Es kann gar kein Zweifel daran bestehen, dass einer der maßgeblichen Entwickler ein „Star Trek“-Fan war. Kyocera fertigte in den 80er Jahren CD-Player als OEM-Lieferant und trat zudem unter der Marke „Cybernet“ in Erscheinung, beendete sein HiFi-Engagement aber bald wieder.
Lagerschaden
Leider können wir in diesem Fall nicht mit einem ausgiebigen Praxischeck dienen, da das Keramiklager an unserem Exemplar defekt – und damit aufgrund seiner Seltenheit vermutlich irreparabel – ist. Nichtsdestotrotz ist der Dynavector-Arm mit seiner Bi-Axis-Konstruktion hochinteressant. Das längere und aufgrund seiner Masse über Federn und Magnete gut dämpfbare Armsegment ist nur horizontal beweglich, sprich drehbar (magnetisch bedämpft) und folgt dem Rillenverlauf, während der kleinere, spitzengelagerte und sehr leichte Sub-Arm nur vertikal beweglich ist und das Tonabnehmersystem trägt. Das Antiskating besorgt ein Fadengewicht. Genial
Nützliche Links
www.kyocera.de
www.thevintageknob.org
www.audioclassica.de
www.vinylengine.com
www.niji.or.jp/home/k-nisi/pl-910.htm
Kyocera heute
Das von Kazuo Inamori gegründete Unternehmen Kyoto Ceramics oder kurz Kyocera feiert in diesem Jahr sein 50-jähriges Bestehen. Mit 79 Produktionsstätten, über 200 Tochtergesellschaften (davon 31 in Europa), 8,68 Milliarden Euro Jahresumsatz und 60000 Mitarbeitern zählt Kyocera zu den Global Playern und beschäftigt sich vor allem mit keramischen Werkstoffen, Solarmodulen und keramischen Bauteilen für die Elektronik. Eine mittlerweile durch den Rückzug Kyoceras aus dem Fotogeschäft beendete Kooperation mit Carl Zeiss/Zeiss Ikon führte in den 70er Jahren zur Produktion der legendären Contax-Kameras (z.B. RTS, RTS III), die zum Teil ebenfalls von der Keramikkompetenz des Konzerns profitierten.




