Meldungen im Oktober 2009
Musiker erhalten mehr
Bundeszentrale veröffentlichte falsche Zahlen
Nur 64 Cent von jeder verkauften CD landen bei den Musikern – wenn man den Zahlen der Bundeszentrale für Politische Bildung glauben darf. Darf man aber nicht, sagt nun der Verband Unabhängiger Musikunternehmen. Die Zahlen der Bundeszentrale gingen erstens vom ungünstigsten Fall aus, einer Newcomerband bei einem Major-Label. Etablierte Künstler erhielten deutlich mehr, zumal bei den Independent Labels – die aber in der Statistik gar nicht berücksichtigt wurden. Im Übrigen müsse man auch den GEMA-Anteil einbeziehen, der denjenigen Musikern zukomme, die ihre Stücke selbst schreiben. Sie kämen im Schnitt auf gut zwei Euro pro CD, Top-Stars gar auf über drei Euro.
Amerikanische Ikone
Zwei Bücher über das Phänomen Bruce Springsteen
Katholische Erziehung, konservatives Provinz-Milieu, Ausbruch- und Fluchtversuche, der fast schon archaische und wie ein Klischee anmutende Vater-Sohn-Konflikt, am Ende der ehrgeizige junge Songschreiber, der es – mittlerweile zarte 26 und von seinem künftigen Manager als die Zukunft des ganzen Rock ‘n’ Roll ausgerufen – auf die Titelseiten von „Time“ schafft: Louis P. Masur, im Hauptberuf Geschichtsprofessor, bemüht sich, Bruce Springsteen als eine kulturelle Ikone Amerikas zu porträtieren. Ausführlich erzählt er, wie damals der Hype funktionierte und fünf extrem einflussreiche Kritiker Springsteens Karriere den endgültigen Turbo-Schub verpassten.
Ob der sich selber als Inkarnation des amerikanischen Traums begreift, darf man eher bezweifeln. „Born To Run“ steht zwar im Zentrum von Masurs Diskurs, aber er schlägt auch den großen Bogen bis zu „Magic“ und kommt zudem auf zentrale Platten wie „Nebraska“ zu sprechen, mag aber nicht näher auf Berührungspunkte zum Schaffen von Bob Dylan eingehen. Deutlich wird dennoch, dass Springsteen nie ein so spontan intellektueller Kopf wie Dylan in dem Alter war. Den Fan mag Masur zu keinem Zeitpunkt verleugnen. Richtig kritische Auseinandersetzung oder profunde Analyse von „Born To Run“ bzw. Springsteens Schaffen generell bietet er so wenig wie die meisten von dessen Biografen. Am Ende lässt er ihn bekennen mit dem Satz: „Ich war mehr der harte Arbeiter.“ Um diese Leistung und die behauptete Zeitlosigkeit von „Born To Run“ zu unterstreichen, zitiert er so ziemlich jeden Zeitgenossen, der sich mal in wichtigeren Publikationen zu Springsteen äußerte: Das Verzeichnis der zitierten Quellen füllt schlappe 31 Buchseiten!
Nach mehreren Monografien über sein Idol hatte Dave Marsh mit „Bruce Springsteen On Tour“ eine der gründlicheren und höchst opulent bebilderten Dokumentationen über dessen Liveaktivitäten geschrieben. Die deutsche Ausgabe dokumentiert noch nicht die viel gepriesene Tournee nach den Seeger-Sessions. Ganz selten ist hier kritisch auch schon mal von einem „Mangel an Professionalität“ die Rede. Solcher Tadel meint aber immer die Begleitband, nie den Chef. Was dann doch verblüfft: Manchen Profis, die Stars wie Chuck Berry und Elvis, Bob Dylan oder Mick Jagger ablichteten, gelang es, die als optischen Mythos zu überhöhen. Im Fall von Springsteen jedoch schaffte das nicht ein Fotograf, Anton Corbijn so wenig wie Annie Leibovitz.
Franz Schöler
Die Plattenläden machen mobil
„Plattenladenwoche“ vom 30.10. bis 6.11.
Der Tonträgerhandel in Deutschland will nicht länger tatenlos zusehen, wie das Geschäft Richtung Online-Versender und Download-Stores abwandert. Um auf sich aufmerksam zu machen, veranstalten die Plattenhändler vom 30. Oktober bis zum 6. November die „Plattenladenwoche“ nach dem Vorbild des amerikanischen „Record Store Day“. Mit Schaufenster-Konzerten, In-store-Gigs und Autogrammstunden wollen die Händler deutlich machen, dass der Besuch im Plattenladen ein Erlebnis ist. Die Aktivitäten reichen von Rock/Pop über Jazz bis Klassik und werden von Musikern durch Auftritte und Interviews unterstützt. In speziellen „Pre-Listening Sessions“ können Besucher schon mal in noch nicht veröffentlichte Aufnahmen reinhören. Mitmachen können alle unabhängigen, stationären Fachhändler, die Service und persönliche Beratung bieten. Derzeit beteiligen sich an die 80 Vollsortimenter sowie zahlreiche Klassik-Spezialisten an der Aktion. Welche Events wann und wo stattfinden, steht aktuell auf www.plattenladenwoche.de.
Augenweide
Ein Bildband stellt 777 der schönsten LP-Cover der Klassik vor
Er ist ein leidenschaftlicher Sammler von Klassik-LPs. Irgendwann kam Horst Scherg der Einfall, mit den ästhetisch wertvollsten Covern einen Bildband zu gestalten, publiziert in englischer Sprache. Gegliedert sind die Abbildungen, die Platten- wie Designgeschichte aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts widerspiegeln, in 13 Kategorien wie „Komponisten“, „Covergestaltung mit abstrakter Kunst“ oder „Die typische Bildillustration in drei Jahrzehnten“. Angaben zu Erscheinungsjahr, Label etc. ergänzen die in guter Druckqualität großzügig abgebildeten Cover. Einleitung, Register, Literaturhinweise oder Abrisse der Geschichte wichtiger Labels unterstreichen die Sorgfalt der Edition.
Andreas Kunz
Man lernt nie aus
Stings erstes „Weihnachtsalbum“
Solo und mit seiner Band Police schrieb er Rockgeschichte. Deswegen kann Sting es sich jetzt leisten, sich jenseits des Mainstream auszuprobieren. Für sein letztes Werk nahm er Stücke von John Dowland auf, seine CD „If On A Winter’s Night ...“ überrascht mit Winter- und Weihnachtsliedern
STEREO: Warum reizt Sie Alte Musik derzeit mehr als Rock, Sting?
Sting: Weil es mich langweilt, wieder und wieder das Gleiche zu machen. Ich bin ständig auf der Suche nach neuen Inspirationen. Wenn ich Stücke aus dem 14. oder 15. Jahrhundert interpretiere, dann öffnet mir das eine völlig andere Welt. Davon profitiere ich letztlich auch als Songschreiber. Ich experimentiere mehr, probiere Dinge aus, die mir bislang fremd waren.
STEREO: Was darf man denn künftig von Ihren eigenen Liedern erwarten?
Sting: Heavy Metal, Techno (lacht). Im Ernst: Ich weiß es nicht. Am liebsten mache ich Sachen, die alle verblüffen. Das war bei meinem Dowland-Projekt so, auch mit einem Winter- und Weihnachtsalbum hätte wohl keiner gerechnet – und mit der Wiedervereinigung von Police erst recht nicht.
STEREO: Könnte es sein, dass Sie eine weitere Police-CD aufnehmen werden?
Sting: Nein. Dieses Kapitel ist für mich definitiv abgeschlossen. Dass wir nach 25 Jahren Pause noch mal gemeinsam auf Tournee gegangen sind, war für uns eine einzigartige Erfahrung. 2,7 Millionen Menschen haben uns weltweit gesehen. Damit können wir unserer Geschichte eigentlich nichts mehr hinzufügen, insofern ist es Zeit, andere Wege einzuschlagen.
STEREO: Zum Beispiel in der Oper?
Sting: Sie ist für mich ein extrem spannendes Genre. Darum bin ich im vergangenen Jahr mit Elvis Costello im Pariser Théâtre Châtelet in der Oper „Welcome To The Voice“ aufgetreten. Dort stand ich mit vier Diven auf der Bühne. Mit ihnen mitzuhalten, war eine große Herausforderung für mich.
STEREO: Vor der Sie sich ein wenig gefürchtet haben?
Sting: Keineswegs. Auch mit 57 begebe ich mich jederzeit gern wieder in die Rolle des Schülers. Es macht mir Spaß, bei jedem neuen Projekt ein wenig dazuzulernen.
STEREO: Welche Erkenntnis haben Sie denn bei der Arbeit an Ihrem Album „If On A Winter’s Night ...“ gewonnen?
Sting: Dass ich nicht zwingend im Falsett singen muss. Ich habe viel Zeit damit verbracht, die tieferen Frequenzen meiner Stimme zu entwickeln. Darum klinge ich diesmal reifer, fast wie eine andere Person, wenn ich Songs wie „The Snow It Melts The Soonest“ singe.
STEREO: Wie sind Sie eigentlich auf die Idee gekommen, Winterlieder zu interpretieren?
Sting: Mein Produzent Bob Sadin hat dieses Konzept entwickelt. Vor gut einem Jahr legte er mir eine Liste mit verschiedenen Titeln vor, danach recherchierten wir gemeinsam. Wir probierten einiges aus, nicht alles funktionierte. Zum Beispiel scheiterte ich an Händels „Messias“.
STEREO: Stattdessen haben Sie Weihnachtslieder wie „Gabriel’s Message“ in Ihr Repertoire eingeflochten.
Sting: Ich wollte auf keinen Fall all die populären Klassiker von „Santa Clause Is Coming To Town“ bis „Frosty The Snowman“ einspielen. Was ich wirklich suchte, waren magische Geschichten, die meine Fantasie beflügelten. Und die nahm ich dann mit Musikern aus den unterschiedlichsten Stilrichtungen auf. Der Jazztrompeter Chris Botti war mit mir im Studio, einige Folkmusiker oder der Geiger Daniel Hope. Obgleich er aus der Klassik kommt, versteht er es zu improvisieren.
STEREO: Wie fanden Sie und Ihre Kollegen musikalisch auf ein Level?
Sting: Zunächst erkundete jeder ganz allein ein Stück, später webte ich mit Bob Sadin, der ja ein erfahrener Produzent, Dirigent und Arrangeur ist, die Fäden zusammen. Dabei war es mir wichtig, die dunkleren Seiten der Titel ins Zentrum zu rücken.
STEREO: Dennoch klingt Ihre Version von „Der Leiermann“ aus „Winterreise“ irgendwie leichter als bei Schubert.
Sting: Tatsächlich habe ich den „Hurdy Gurdy Man“ recht frei übersetzt – sowohl textlich als auch musikalisch. Trotzdem wollte ich mich nicht völlig vom Original entfernen. Mein schlichtes Arrangement mit Akkordeon und Stimme wirkt hoffentlich authentisch.
Dagmar Leischow







